Schlafräuber dingfest machen

9. April 2014, 13:16
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Schlafstörungen nehmen zu, psychische Störungen korrelierend dazu ebenso. Beschleunigung, Vermehrung von "Wichtigkeiten ", pausenlose Infoflut kippen die Balance der Erholungsarchitektur

Wir sind als Spezies mit dem Sonnenlicht gewachsen und werden durch Hell und Dunkel gesteuert. Hell macht wach (Stresshormone), Dunkel bringt den Schlaf (Melatonin). Dieses Grundmuster hat sich nicht verändert, nur weil Menschen die Technik des Kunstlichts erfunden haben oder den Fernseher, die Fließbandarbeit, soziale Netzwerke, die sich unter unsere Bettdecke kuscheln.

Wir haben Informationssysteme geschaffen, die sich in Wichtigkeiten überbieten, eine Flut an Spannungsgebern überrollt uns beständig und hält uns in hoher Aktivierung. Unsere Augen sind weit offen, und unsere Ohren schutzlos dem Lärm der Welt preisgegeben. All diese vielen Informationen dringen in unseren Schlaf und machen ihn schwieriger, seichter, schlechter.

Schlafstörungen nehmen zu, psychische Störungen korrelierend dazu ebenso. Mehr verarbeiten zu müssen verringert die Fähigkeit des Schlafs, ausreichend Energie für den nächsten Tag zu schaffen. Leistung ist trotzdem gefordert, und in der Schere, die hier aufgeht, versickert unsere Gesundheit klammheimlich und leise. Es geht also darum, den Schlaf wieder zum Energiekraftwerk zu machen.

Den richtigen Ausgleich finden

Schlafräuber können nur dann dingfest gemacht werden, wenn wir sie erkennen. Fest steht, dass sich die Schlaflänge allgemein verringert hat, obwohl unser Leben nicht unbedingt weniger herausfordernd wurde. Das kann nicht gut zusammenpassen! Informationsdruck und Spannungen nehmen beständig zu, im Arbeitsleben und privat. Erhöhte Beschleunigung und Vermehrung von "Wichtigkeiten".

Wir versuchen Spannung durch Spannung auszugleichen, aber Verdrängen ist nur das zusätzliche Hineinstopfen von Störendem in ein Abstellkammerl, um es nicht anschauen zu müssen. Dieses Kammerl ist unser Gehirn und im Schlaf muss aufgeräumt/geordnet werden. Viel verarbeiten und gleichzeitig genug Energie zu schaffen geht sich nicht aus. Also heißt es Spannung abbauen, vor allem aber insgesamt sorgsamer mit Informationsaufnahmen umzugehen. Wir kommen mit einem Hirn voller Informationen von der Arbeit nach Hause, nehmen weitere Informationen auf und haben den Fernseher und das Internet zu Entspannungsmaschinen erklärt.

Aufregungshilfen TV und Internet

Nachrichten ärgern uns, wir fürchten die Zukunft, leiden mit und plumpsen in Werbeblöcke. All das aktiviert uns, und so machen wir uns wach, bevor wir schlafen gehen. Was für ein Unfug. Viele Messverfahren zeigen, dass das Herunterfahren der Herzfrequenz bis zum Erreichen des Ruhepulses oft bis weit über zwei, drei Uhr dauert, Tiefschlafphasen reduziert sind, die notwendige Balance der Erholungsarchitektur verlorengeht. Es braucht eine Phase der Beruhigung vor dem Einschlafen.

Fernseher und Internet sind Aufregungshilfen, keine Entspannung, Geräusche während des Schlafs alarmieren uns an die Aufwachgrenze, adieu Tiefschlafphasen (auch für die Müllentsorgung des Gehirns wichtig), ade Erholung. Spannung ist ein Suchtmittel und wie jedes davon weder erholsam noch kraftbringend, sondern Strapaze für den Organismus. Fazit: Je weniger zusätzliche Information wir ins Bett mitnehmen, umso erholsamer wird unser Schlaf. (Johann Beran, DER STANDARD, 5.4.2014)

Johann Beran ist klinischer und Neuropsychologe, Arbeitspsychologe und internationaler Organisationsberater.

  • Was tun, wenn das Schäfchenzählen auch nicht mehr hilft?
    foto: www.istockphoto.com / wdi2007

    Was tun, wenn das Schäfchenzählen auch nicht mehr hilft?

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