Der Diskurs des Antisemitismus

9. April 2014, 19:02
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Alexandra Preitschopf untersucht muslimische Onlinemedien in Frankreich

Europas größte jüdische Gemeinde befindet sich heute in Frankreich. Noch, denn die Zahl der Auswanderer nach Israel nimmt in den letzten Jahren stetig zu. 2013 verließen mehr als 3000 französische Juden das Land, im Vergleich zum Vorjahr ein Anstieg um 63 Prozent. Für viele ist der zunehmende Antisemitismus ein zentraler Beweggrund für die Emigration.

"Ab dem Jahr 2000, zeitgleich mit der sogenannten Zweiten Intifada, ist eine deutliche Zunahme antisemitischer Angriffe und Gewalttaten festzustellen - die vielfach von muslimischen Jugendlichen und jungen Erwachsenen ausgehen", sagt Alexandra Preitschopf. Die 1987 in Oberösterreich geborene Historikerin untersucht im Rahmen ihrer Dissertation zeitgenössischen Antisemitismus unter Muslimen in Frankreich. Oft werde in diesem Zusammenhang ein "Import des Nahostkonflikts" in die französischen Vorstädte diskutiert, wo besonders viele Menschen mit muslimischem Hintergrund leben.

Denn obwohl die meisten französischen Muslime mit Migrationshintergrund aus anderen Regionen stammen, sei die Solidarisierung mit den Palästinensern extrem stark. "Es gibt eine immense Identifikation, die wiederum häufig stark israelfeindlich ist. Oft wird das dann übertragen auf die französischen Juden", so Preitschopf. Als Erklärungsmodell allein greife die Importthese aber zu kurz. Vielmehr liege die Problematik zu einem wesentlichen Teil auch in innerfranzösischen Entwicklungen und Wandlungsprozessen innerhalb der europäischen islamischen Gesellschaften begründet. In ihrer mit dem Marie-Andeßner-Stipendium der Universität Salzburg geförderten Arbeit fokussiert Preitschopf auf Medien- und Diskursanalysen: Sie untersucht die Berichterstattung französischer muslimischer Onlinemedien, deren Social-Media-Auftritte und Internetforen sowie Rapmusik. Letztere deshalb, weil sie andere Zielgruppen anspricht als die großen Nachrichtenportale. "Es gibt gewisse Muster, die sich ständig wiederholen", so Preitschopf. Nach antisemitischen Gewalttaten tauchten häufig abstruse Verschwörungstheorien auf, die antimuslimische Hintergründe behaupten. Etwa in der medialen Debatte um den Attentäter Mohammed Merah, der 2012 sieben Menschen ermordete, darunter drei jüdische Kinder.

Viele Muslime würden nicht bestreiten, dass es in Frankreich Antisemitismus gibt, aber oft werde eine abwehrende Konkurrenzhaltung eingenommen: Die Islamfeindlichkeit sei eigentlich viel schlimmer, der Staat unterstütze aber immer nur die Juden. Besonders deutlich werde dies in Debatten über die Gedenkkultur, sagt Preitschopf. So würden Forderungen nach öffentlicher Erinnerung an die Opfer der französischen Kolonialpolitik häufig mit Kritik am Holocaustgedenken verknüpft. "Die völlig berechtigte Forderung nach Anerkennung und gesellschaftlicher Teilhabe äußert sich oft über Antisemitismus", so die Historikerin.

Holocaustrelativierungen und die Verspottung jüdischer Opfer sind die Folge. Ein Symptom dieser Tendenz sei etwa der Erfolg des Komikers Dieudonné, der für sein antisemitisches Programm zuletzt Auftrittsverbote erhielt. "Er greift vorhandene Denkmuster auf, weiß sehr genau, was gehört werden will, und macht damit ein gutes Geschäft." Und inszeniert sich hinterher selbst als Opfer. (David Rennert, DER STANDARD, 9.4.2014)

  • Alexandra Preitschopf: "Dieudonné ist ein Symptom."
    foto: privat

    Alexandra Preitschopf: "Dieudonné ist ein Symptom."

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