Tauziehen um US-Schiefergasexporte

8. April 2014, 18:38
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Wann beginnen die USA, Erdgas nach Mittel- und Osteuropa zu liefern? Das Thema ist im US-Senat ein Dauerbrenner

Washington - Mary Landrieu nimmt die Sache persönlich. Die Senatorin aus Louisiana darf in Russland nicht mehr einreisen, neben Kollegen wie John McCain und Harry Reid steht sie auf der Sanktionsliste, mit der sich Wladimir Putin für Strafmaßnahmen des Weißen Hauses revanchierte.

"Es ist mir eine Ehre", sagt die Demokratin, es werde sie gewiss nicht davon abhalten, für den Aufstieg Amerikas zur Energie-Supermacht zu trommeln, für Exporte in alle Welt. "Wir müssen Russlands Einfluss in Europa begrenzen, besonders in der Ukraine, die so lange für ihre Freiheit gekämpft hat," sagt sie.

Im Energie-Ausschuss des Senats, dessen Sitzungen Landrieu leitet, ist das Thema mit der Krim-Krise, mit den Spannungen im Osten der Ukraine zum Dauerbrenner geworden: Wann beginnen die USA, Erdgas nach Mittel- und Osteuropa zu liefern? Auf Tempo drängend, wandten sich die Botschafter Polens, Ungarns, der Slowakei und Tschechiens in einem gemeinsamen Brief an den Kongress. Aus Gründen der nationalen Sicherheit sei es wichtig, Alternativen zu russischem Erdgas zu haben.

Ergo möge sich Washington mit den nötigen Ausfuhrgenehmigungen bitte beeilen. Seien die Vereinigten Staaten erst Netto-Exporteur von Energie, könne dies das "geostrategische Geflecht" der Welt ändern, vor allem in Europa und Nahost, orakelt Martin Dempsey, der Stabschef der Streitkräfte. "Ich denke, wir müssen der Energie als einem Instrument nationaler Macht mehr Aufmerksamkeit schenken."

Unerwünschte Nebeneffekte

Grob skizziert, halten es die meisten Republikaner mit Dempsey, während etliche Demokraten auf unerwünschte Nebeneffekte verweisen. Derzeit zahlen amerikanische Kunden nur ein Drittel dessen, was Mitteleuropäer für Gas zahlen müssen, und viermal weniger als Japaner.

Das Fracking, mit dessen Hilfe Schiefergasfelder in North Dakota, Texas oder Pennsylvania erschlossen werden, hat für ein Überangebot gesorgt und strapazierte Familienkassen entlastet. Verstärkte Exporte, schätzt das US-Energieministerium, würden die Preise daheim um rund 30 Prozent steigen lassen. Weil die Hälfte aller Haushalte mit Gas heize, würde es Gering- und Normalverdiener enorm belasten, warnt Eliot Engel, ein Abgeordneter aus New York. "Wir müssen Pro und Contra gründlich abwägen, wir dürfen nichts überstürzen." Fracking-Gegner, angeführt von Bill McKibben, einem Umweltmahner aus Vermont, lehnen eine Weltmarktoffensive schon deshalb ab, weil sie die Schiefergasförderung zurückdrängen möchten.

So heftig die Debatte wogt, so theoretisch ist sie für den Moment. Frühestens 2015 kann von den ersten Terminals am Golf von Mexiko verflüssigtes Erdgas, kurz LNG genannt, verschifft werden. Sabine Pass, eine Anlage in der Nähe der texanischen Hafenstadt Port Arthur, wird gerade mit Zehn-Milliarden-Dollar-Aufwand umgerüstet. Ursprünglich sollte dort LNG importiert werden, denn noch 2005 schien festzustehen, dass Amerika seinen Gasbedarf allein nicht mehr decken kann. (Frank Herrmann, DER STANDARD, 9.4.2014)

  • Machtvoller Senator der Republikaner, John McCain
    foto: reuters/ruben

    Machtvoller Senator der Republikaner, John McCain

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