Der industrialisierte Patient

9. April 2014, 10:10
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Der Patient soll im Mittelpunkt der Behandlung stehen, doch der Faktor Zeit wird im Zuge von Rationalisierungen oft übersehen

Wien - Krankenhäuser sind teuer und sollen billiger werden. Das ist, wie in vielen Wirtschaftsbereichen, auch die Aufgabe von Managern, konkret Spitalsmanagern, die an Wirtschaftsuniversitäten ausgebildet wurden und längst nicht alle im Medizinbetrieb groß geworden sind.

Was für die einen ein Segen ist, ist für die anderen - meist Mediziner - ein Fluch. Prozesse werden gestrafft, Krankenhäuser zusammengelegt. Für ganz Kärnten gibt es etwa nur noch eine Augenambulanz am Klinikum in Klagenfurt, in Wien sollen die städtischen Spitäler an sieben Standorten zusammengeführt werden. Die Versorgung soll so besser werden.

Schwerpunktbildung und Rationalisierung

Selbst Patientenanwalt Gerald Bachinger ist überzeugt: "Die Konzentration durch die Bildung von Kompetenzzentren und die Rationalisierung ist durchgehend positiv zu sehen und führt zu längst fälligen Qualitätssteigerungen durch höhere Fallzahlen und mehr fachliches Know-how."

Der einzige Nachteil liege wohl darin, dass längere Wegstrecken für einige Patienten in Kauf zu nehmen sind, "weil es nicht mehr hinter jedem Busch ein Spital gibt". Schwerpunktbildung als auch Rationalisierung seien heutzutage durchgehende Programme und Strategie von Gesundheitspolitik. Die neuen Herausforderungen, sagt Bachinger, lägen in der Priorisierung und in der Erkenntnis, dass ein mehr an Quantität nicht automatisch ein mehr an Qualität bedeutet.

Was das konkret heißt, skizzierte vor kurzem der Präsident der Europäischen Gesellschaft für Radiologie, Guy Frija, auf dem kürzlich in Wien abgehaltenen Radiologenkongress. "Ein Drittel der radiologischen Untersuchungen ist klinisch nicht gerechtfertigt oder nicht nützlich", sagte er.

Die Einsparung unnötiger Untersuchungen würde die vorhandenen Radiologie-Kapazitäten für sinnvolle Scans erhöhen, Kosten im Gesundheitssystem senken und auch den Patienten unsinnige Strahlenbelastungen ersparen. Gründe für die "überflüssige" Bebilderung gebe es viele: die Verlockung der "schönen Bilder" aus dem Inneren des Körpers, aber auch ökonomische Triebkräfte - mehr Bilder bringen mehr Einnahmen, teure Geräte lassen sich damit leichter finanzieren. Auch die "Absicherungsmedizin" spielt eine wichtige Rolle.

Der Patient rückt in den Hintergrund

Die beiden letzten Punkte führen nach Ansicht von Ärzten dazu, dass der Patient, um dessen Behandlung es eigentlich geht, in den Hintergrund rückt. "Wenn ich ein teures Großgerät kaufe, dann muss da alle zehn Minuten ein Fall durchgeschleust werden. Auch der Arzt muss sich, wie in der Industrie, einem Takt einfügen", postulierte bereits vor einigen Jahren der Gründer und damalige Großaktionär der deutschen Rhön-Kliniken AG, Eugen Münch.

"Bleibt die Wahrnehmung des Kranken durch den Arzt unvollständig, fragmentiert, oberflächlich oder auf ein hervortretendes Störungssymptom beschränkt, wird die Diagnose unzureichend ausfallen", konstatierte der deutsche Psychiater Wolfgang Böker bereits 2003 im Deutschen Ärzteblatt.

Die Gründe für die getrübte Wahrnehmung liegen nicht selten im ökonomischen Bereich und dem wachsenden Spardruck im Gesundheitswesen, betont Gerhard Flenreiss, Gesundheitsexperte und Autor des Buches Medizin vom Fließband. "Der Patient als zuwendungsbedürftiges Individuum rückt in den Hintergrund", urteilt er. Will man als Patient im Gesundheitswesen heute Zuwendung, müsse man dafür extra bezahlen. Keine Versicherung - und vor allem keine öffentliche Krankenversicherung - zahle dem Arzt die Zeit, die er sich für Patienten nehme.

Keine Ruhe für Gespräche

Die Folge: Im Durchschnitt unterbricht ein Arzt seinen Patienten nach 18 Sekunden das erste Mal. Eine ärztliche Visite im Krankenhaus dauert im Schnitt drei bis vier Minuten. Dabei ist die Redezeit des Arztes doppelt so lang, wie die des Patienten, haben Studien ergeben. Die deutsche Technikerkrankenkasse hat nachgerechnet: Während eines Jahres hat ein Arzt in Deutschland durchschnittlich 10.735 Patientenkontakte. Daraus würden sich pro Tag 45 Patienten ergeben - und umgekehrt acht Minuten pro Patient bei einer Ordinationszeit von sechs Stunden.

Die Intimität von Arzt und Patient sei auch im niedergelassenen Bereich durch den wachsenden Druck der Kassen zu hinterfragen, sagt der Präsident des Hausärzteverbandes, Christian Euler. "Die Kultur der Krankenversorgung geht verloren, sie wäre aber für die Heilung und das Wohlfühlen des Patienten nötig."

Zuwendung und Gespräch heilen

Zuwendung und Gespräch heilen, wie immer wieder Studien belegen. Das weiß auch Michael Heinisch, Vorstand des privaten Krankenhausbetreibers Vinzenz Gruppe: "Der Mensch ist dem Menschen immer noch die beste Medizin. Im Gesundheitswesen geht es am Ende um Menschlichkeit." Er wünscht sich, dass eingesparte Mittel zu Patienten wandern. Er hat ein Beispiel: Die Ordensspitäler der Vinzenz-Gruppe hätten etwa an der OP-Schleuse eine Person positioniert, die dazu da sei, Patienten zu beruhigen. Die Sorge um die Patienten sei für die Verantwortlichen eine große Herausforderung, gibt Heinisch offen zu.

Dadurch ändere sich auch die Rolle des Patienten, ist der Unternehmensberater und ehemalige Krankenhausmanager Heinz Lohmann überzeugt. Früher sei der Patient Opfer im Gesundheitswesen gewesen und "von den dortigen Experten hin- und hergeschubst" worden, sagt er. "Jetzt werden Patienten Marktteilnehmer, die mitreden."

Industrialisierung sei heute nicht mehr so, wie man das vor 100 Jahren gesehen habe. Lohmann: "Industrialisierung bringt auch Individualität. Früher wurde ein Ford millionenfach als schwarzes Auto produziert, heute gibt es 100 Variationen von Autos, die aber im Kern alle aus den gleichen Bauteilen bestehen." Sein Credo: Rationalisierung in patientenfernen Bereichen, damit man sich mehr um den Patienten kümmern kann. (Martin Schriebl-Rümmele, DER STANDARD, 8.4.2014)

  • Therapie am Fließband: Das ist effizient für den Spitalsbetrieb, für Patienten aber emotional oft schwierig auszuhalten.
    foto: matthias cremer

    Therapie am Fließband: Das ist effizient für den Spitalsbetrieb, für Patienten aber emotional oft schwierig auszuhalten.

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