Eine Taucherin in der Bilderflut

8. April 2014, 17:18
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Die Videokünstlerin Jennifer Mattes beschäftigt sich mit aktuellen Fragen der Bilderpolitik. Am Dienstag erhielt sie den Birgit-Jürgenssen-Preis 2014 der Akademie der bildenden Künste

Wien - Pro Minute werden 100 Stunden Videomaterial auf Youtube hochgeladen, heißt es auf der Webseite des Portals. Kein Wunder in einer Zeit, in der jeder Handybesitzer Filme produzieren kann. Während Kulturpessimisten totale Entfremdung befürchten, freuen sich andere über Demokratisierung und Einblicke, die anders nicht zu bekommen wären.

Zum Beispiel die Künstlerin Jennifer Mattes, Studentin an der Akademie der bildenden Künste in Wien: Für den Film State of Stage hat sie unter anderem Videomaterial verwendet, das Privatpersonen beim (mutmaßlich illegalen) Erkunden von Kinoruinen gedreht haben. Der Originalton ist mit Ausschnitten aus einem Vortrag der Schauspielerin Uta Hagen kombiniert: Vor Studenten sprach sie über den Umgang mit dem Bühnenraum. Bild und Ton entlocken einander pointiert neue Bedeutungen.

Für ihre "reflektierte Auseinandersetzung mit sozialen Medien des Internets als einem theatralen, performativen Raum" wurde Jennifer Mattes jetzt der mit 5.000 Euro dotierte Birgit-Jürgenssen-Preis zuerkannt. Der nach der früh verstorbenen Künstlerin und Akademie-Professorin benannte Preis wird jährlich von Hochschule, Bundeskanzleramt und dem Galeristen Hubert Winter an einen Studierenden vergeben. Für das "Studentenlebenswerk", sozusagen.

Anlässlich der Preisvergabe sind zwei von Mattes' Videos in der Aula der Akademie ausgestellt. Neben State of Stage läuft Viertel nach Eden, das auf La Gomera gedreht wurde. Es sei eine Spurensuche in einem "Paradies mit Ablaufdatum", sagt die 31-Jährige. Der Film markiere den Beginn einer neuen Schaffensphase, in der Selbstgedrehtes wichtiger ist als Internet-Fundstücke.

Spurensuche im Paradies

Der Film beginnt mit statischen Tableaus, in denen Mattes mit bestechendem fotografischem Gespür Asphaltflächen, Mauern und karge Vegetation einfängt. Längere Zeit beobachtet man einen Angler am Fluss, als plötzlich ein motorisiertes Gefährt vorbeirast. Choreografiert hat Mattes diese Szene nicht, sie ist das Ergebnis geduldigen Wartens.

Die formale Stringenz, ausschließlich mit statischen, weiten Filmeinstellungen und Originaltönen zu arbeiten, wird dann (angenehmerweise) bald gebrochen. In Viertel nach Eden können schon auch einmal rasante Autofahrten zu Orchestermusik vorkommen, bisweilen "mikroskopiert" die Kamera Mauertexturen oder rauschende Flüsse. Mattes schöpft in ihrem 27-minütigen Video zwanglos aus einem reichen filmsprachlichen Repertoire, ohne dabei barock zu werden.

Die Künstlerin hat sich vor allem für Natur, Landschaften und Räume interessiert. Eine Zeitlang erkundet die Kamera einen abgebrannten Wald oder eine Aussteigerhütte. Menschen tauchen in Viertel nach Eden eher am Rande auf und werden, im Gegensatz zur Flora, meistens aus der Distanz betrachtet. Am nächsten kommt ihnen die Kamera dort, wo sie auf Fotos abgebildet sind. (Roman Gerold, DER STANDARD, 9.4.2014)

Bis 13. 4.

  • In dem Video "Viertel nach Eden" wirft die 1982 in Stuttgart geborene Künstlerin Jennifer Mattes ungewöhnliche Blicke auf die spanische Insel La Gomera.
    foto: mattes

    In dem Video "Viertel nach Eden" wirft die 1982 in Stuttgart geborene Künstlerin Jennifer Mattes ungewöhnliche Blicke auf die spanische Insel La Gomera.

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