IWF warnt Eurozone vor Stagnation

8. April 2014, 15:00
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Der Internationale Währungsfonds drängt die Europäische Zentralbank zu noch aggressiverer Politik. Sie könnte sonst ihr Inflationsziel verpassen

Der Internationale Währungsfonds warnt die Eurozone vor Stagnation und mahnt zu einem entschiedenen Eingreifen der Wirtschaftspolitik. "Mehr geldpolitische Lockerung, inklusive unkonventioneller Maßnahmen, ist jetzt nötig", schreiben die Volkswirte des Fonds im Weltwirtschaftsausblick für das aktuelle Frühjahrstreffen in Washington. Erst vergangene Woche hat Mario Draghi erstmals signalisiert, dass die Europäische Zentralbank bereit sein könnte für ein milliardenschweres Anleihenkaufprogramm. Allerdings nur, wenn die Gefahr von fallenden Preisen (Deflation) oder einer langen Phase niedriger Inflation größer werde. Tatsächlich schätzt der Währungsfonds, dass die Inflationsrate im vierten Quartal 2015 mit einer Wahrscheinlichkeit von 72 Prozent unter 1,9 Prozent liegen wird. Das Ziel der EZB liegt bei "nahe, aber unter zwei Prozent".

Hohe Deflationsgefahr

Die Washingtoner Volkswirte warnen vor dem mittelfristigen Risiko, dass die Eurozone (und auch Japan) eine „lange Phase niedrigen Wachstums“ und schlussendlich sogar Stagnation vor sich habe. Denn mit traditioneller Geldpolitik – Zinssenkungen, um die Wirtschaft anzukurbeln – sei in einem Umfeld niedriger Zinsen und Inflation kaum beizukommen, da sie die Unternehmen kaum dazu bringen, zu investieren. Auch die hartnäckig hohe Arbeitslosigkeit würde das Problem verstärken. Weil das Wachstum in der Eurozone relativ schwach bleibt, ist das Rezessionsrisiko nach wie vor am höchsten.

"Man darf den jüngsten Aufschwung in Südeuropa nicht als selbstverständlich voraussetzen", warnt Chefvolkswirt Olivier Blanchard vor den möglichen Folgen anhaltend niedriger Inflation in Europa. "Wenn die Inflation in der Eurozone niedrig bleibt, oder schlimmer noch es zu Deflation kommt, wird es für den Süden (Europas, Anm.) noch schwieriger, Wettbewerbsfähigkeit zu erlangen." Tatsächlich ist die Deflationsgefahr in Europa mit 20 Prozent relativ hoch, Spanien ist dabei laut IWF-Schätzungen angesichts besonders volkswirtschaftlich verwundbar.

"Es muss mehr getan werden"

Damit mehren sich die Stimmen aus den USA, dass Europa die Konjunktur stärker beleben sollte. "Es muss mehr getan werden, um das Wachstum zu unterstützen", sagte am Montag ein Vertreter des US-Finanzministeriums und präsentierte damit die US-Sicht innerhalb der G20. Die jüngsten Wirtschaftsdaten aus Europa zeigten eine "chronisch niedrige Inflation und eine schwache Nachfrage", mahnte der Ministeriumsmitarbeiter am Rande der Frühjahrestagung des IWF.

Insgesamt zeigt ein Blick auf die weltweite Wachstumsprognose des Fonds, dass die europäischen Länder im internationalen Vergleich langsam wachsen. 1,2 Prozent sind im Jahr 2014 und 1,5 Prozent im kommenden Jahr prognostiziert. Die Weltwirtschaft wird insgesamt laut IWF-Berechnungen im selben Zeitraum um 3,6 bzw. 3,9 Prozent expandieren. Für Blanchard bleibt die USA die zentrale Wachstumslokomotive und ist der Hauptgrund dafür, wieso das globale Wachstum 2014 höher sein wird als noch 2013. Denn die Schwellenländer lassen 2014 mit einem zusätzlichen Wachstumsimpuls aus. Von Brasilien bis nach Russland hat der Währungsfonds die Prognosen gekappt, auch wenn die Schwellenländer für knapp 60 Prozent des Wachstums weltweit verantwortlich sein werden. (Lukas Sustala, derstandard.at, 8.4.2014)

  • Die Rezessionsgefahr in Europa: Weniger hoch als vor einem halben Jahr, aber immer noch mehr als 20 Prozent
    grafik: iwf

    Die Rezessionsgefahr in Europa: Weniger hoch als vor einem halben Jahr, aber immer noch mehr als 20 Prozent

  • Auf der Weltkarte des Wachstums flackert Europa rot auf
    grafik: iwf

    Auf der Weltkarte des Wachstums flackert Europa rot auf

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