Der öffentliche Tod der Peaches Geldof

8. April 2014, 14:20
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Nach dem Tod von Bob Geldofs Tochter Peaches geht es mit den Spekulationen los. Und auch die öffentlichen Beileidskundgebungen sind bisweilen eher von Narzissmus geprägt

London - Am Tag danach hagelte es öffentliche Beileidsbezeugungen. Er habe zuletzt vor einem Monat mit der Verstorbenen gesprochen, schrieb Popstar Boy George auf Twitter: "Sie sah aus wie ein Engel." Das sei ja alles "sehr traurig für ihre Familie und Freunde", wusste der nordirische Vizepremier Martin McGuinness. Eine Unterhosen-Fabrikantin beklagte den Tod einer "unglaublichen jungen Frau". Ein Mitglied der Frauen-Combo Girls Aloud teilte mit: "Ich freute mich über ihre Fortschritte mit ihren Babys." Auch einen TV-Moderator drängte es dazu, seinen Emotionen Ausdruck zu verleihen: Er sei "völlig gelähmt."

Lähmung, Schock, Trauer – wer könnte solche Gefühle nicht nachvollziehen angesichts der Nachricht vom Tod einer gerade 25-jährigen Frau, die zwei Söhne im Alter von 24 und 12 Monaten hinterlässt? Peaches Geldof freilich war mehr als eine junge Erwachsene, die gerade erst ihre traurige Kindheit und turbulente Jugend hinter sich gelassen zu haben schien. Seit ihrer Geburt als Tochter des Popstars Bob Geldof gehörte sie auch der Öffentlichkeit, genoss deren Aufmerksamkeit, machte sie sich zunutze für eine Karriere als Zeitungskolumnistin, TV-Ansagerin, Partygirl, eine Celebrity eben.

Erste Ehe hielt sechs Monate

War eine andere Berufslaufbahn überhaupt möglich für einen Menschen, den die Eltern mit den Vornamen "Pfirsiche Honigblüte" belastet hatten? Peaches Honeyblossom Geldof fungierte als Spiegelbild einer selbstverliebten, nach immer neuem Klatsch hechelnden Öffentlichkeit. Ausgerechnet der angeblich seriöse "Daily Telegraph" machte die 14-Jährige zu seiner Schmink-Kolumnistin. Mit 19 scheiterte ihre erste Ehe nach sechs Monaten. Mit 21 verlor sie wegen Medienberichten über Drogenkonsum ihren Job als "Markenbotschafterin" der Unterwäschefirma Ultimo. Als ihr erstes Kind schon unterwegs war, heiratete sie den Vater Tom Cohen, Sänger der Band Scum.

Als müsse eine Familientradition fortgesetzt werden, erhielten auch die beiden Söhne merkwürdige Vornamen: Dem jetzt gerade zwei Jahre alt gewordenen Astala, benannt nach dem finnischen Drummer Sampsa Astala, folgte vergangenen April der kleine Phaedra. Die Inspiration für diesen Namen erhielten die Eltern offenbar aus dem Text eines Lieblingsliedes. Niemand scheint sie darauf hingewiesen zu haben, dass Phaedra ein Frauenname ist und auf einen griechischen Mythos Bezug nimmt, der natürlich tragisch ausgeht.

"Ungeklärter und plötzlicher Tod"

Dem stets öffentlichen Leben folgte ein öffentlicher Tod. Nicht umsonst klangen viele der Trauerbezeugungen mehr wie narzisstische Selbstvergewisserungen. Herzzerreißend hingegen Bob Geldofs Nachruf: Die "Wildeste, Lustigste, Klügste, Witzigste von uns allen" sei seine Tochter gewesen, schrieb die Pop-Legende (62). Hat der Druck der allgegenwärtigen Paparazzi, hat der eigene Exhibitionismus beigetragen zu dem traurigen Tod in Wrotham (Grafschaft Kent)? Die Kriminalpolizei der Grafschaft hat ein Todesermittlungsverfahren eingeleitet, in der ersten Stellungnahme war ganz nüchtern von einem "ungeklärten und plötzlichen Tod" die Rede. Das kann alles und nichts bedeuten, immerhin wird ein Verbrechen ausgeschlossen. Eine Obduktion soll bald Klarheit bringen.

Einstweilen schießen die Spekulationen ins Kraut. Vor drei Jahren, vor der Geburt der Kinder, sprach die junge Celebrity über ihre Lieblingsdiät. Vier Wochen lang trinke sie ausschließlich Gemüse- und Obstsäfte, vertraute sie dem Klatschmagazin "OK" an, dabei könne sie zehn Pfund Gewicht verlieren. Diät-Experten warnten daraufhin – natürlich öffentlich – vor einer möglichen Schädigung innerer Organe bis hin zum Herzinfarkt. "So sterben Magersüchtige."

Mutter starb an Überdosis

Magersüchtig war Geldof wohl nicht, dafür aber süchtig nach Liebe, Anerkennung und Aufmerksamkeit. Ihre 261.000 Jünger auf Twitter versorgte sie beinahe täglich mit neuen Schnappschüssen ihrer beiden Söhne Astala und Phaedra. Das allerletzte Bild aber zeigte sie selbst als Kind im Arm ihrer Mutter. Paula Yates starb 2000 an einer Überdosis, als Peaches, ihre zweite Tochter, gerade elf war. Die Eltern hatten sich im Streit getrennt, Yates war mit dem australischen Sänger Michael Hutchence davongelaufen, der 1997 Selbstmord beging.

Diese Kindheit hing als Schatten über Geldof. Erst vor einem Monat sprach sie darüber in einem Interview für das "Mother&Baby"-Magazin. "Ich hatte Jahre der Suche nach mir selbst hinter mir. Babys zu haben hat mir geholfen, die vielfältigen Fehler meiner eigenen traumatischen Kindheit zu korrigieren. Endlich habe ich einen Anker." (Sebastian Borger, derStandard.at, 8.4.2014)

  • Die 25-jährige Peaches Geldof wurde am Montag tot in ihrer Wohnung in der Grafschaft Kent bei London aufgefunden.
    foto: reuters / regis duvignau

    Die 25-jährige Peaches Geldof wurde am Montag tot in ihrer Wohnung in der Grafschaft Kent bei London aufgefunden.

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