Ebola in Guinea: "Erkrankte müssen Virus selbst besiegen"

Interview9. April 2014, 08:38
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Die Präsidentin von Ärzte ohne Grenzen über erste Erfolge, Gerüchte in der Bevölkerung und die Würde der Patienten

Mittlerweile sind mindestens 90 Personen in Guinea am Ebola-Virus gestorben. Seit Anfang des Jahres kämpfen lokale Hilfskräfte mit den Mitarbeitern des Noteinsatzteams von Ärzte ohne Grenzen in dem westafrikanischen Land gegen die Ausbreitung der Krankheit. Das hochansteckende Virus wurde wahrscheinlich durch den Verzehr von Buschfleisch auf Menschen übertragen.

Bei Ebola handelt es sich um ein schwerwiegendes virales hämorrhagisches Fieber, das über Blut und Körperflüssigkeiten übertragen wird. Fünf Stämme von Ebola sind mittlerweile bekannt, in Guinea hat man es wahrscheinlich mit dem "Zaire-Stamm" zu tun, der neun von zehn erkrankten Menschen das Leben kostet.

Da es der erste Ebola-Ausbruch in Guinea ist, setzt die Weltgesundheitsorganisation auf Aufklärung in der Bevölkerung. Unter dem Hashtag #AskEbola können auf Twitter Fragen an Experten gestellt werden. 

Auch die Organisation Ärzte ohne Grenzen, die seit dem Jahr 2001 in dem Land tätig sind, will die Bevölkerung informieren und Infizierte unterstützen. Ein Medikament gegen das Virus gibt es noch nicht. Die Präsidentin von Ärzte ohne Grenzen Belgien und ehemalige Einsatzleiterin in Brüssel, Meinie Nicolai, sprach mit derStandard.at über Panik in der Bevölkerung, Erstmaßnahmen und erste geheilte Patienten.

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Videobeitrag über den Noteinsatz von Ärzte ohne Grenzen in Guinea.

derStandard.at: Laut der Koordinatorin des Noteinsatzes von Ärzte ohne Grenzen, Marie-Christine Ferir, sollen die isolierten Ebola-Patienten in Guinea mit Würde behandelt werden. Wie sieht das in der Praxis aus?

Nicolai: Es wird versucht, dass der Kontakt zu den Familien trotz Isolierung nicht abgebrochen wird. Außerdem kümmern wir uns um die Patienten regelmäßig und lassen sie nicht zurück. Die infizierten Personen haben die Möglichkeit, psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die Erkrankung selbst verbreitet bereits große Angst, und dann kommen auch noch die medizinischen Mitarbeiter in Schutzanzügen wie Astronauten zu den Patienten. Das macht unsicher, wir versuchen da gegenzusteuern.

derStandard.at: Um die Ausbreitung des Virus zu unterbinden, verfolgen medizinische Mitarbeiter die Schritte und Kontakte von Infizierten zurück. Wie darf man sich das vorstellen?

Nicolai: Wenn wir Verdachtsfälle isoliert haben, befragen wir die Betroffenen, aus welchen Dörfern sie stammen und mit wem sie in den Tagen zuvor Kontakt hatten. Danach fahren Mitarbeiter in die Orte und untersuchen die Menschen auf Symptome. Die Angehörigen und Bekannten werden danach beobachtet, ob sie Fieber bekommen, und bei einer möglichen Infektion sofort isoliert.

derStandard.at: Auch in den angrenzenden Staaten sind bereits Verdachtsfälle aufgetreten, der Senegal hat seine Grenzen zu Guinea geschlossen. Wie sinnvoll ist diese Abschottung?

Nicolai: Ich halte das für eine zu scharfe Maßnahme. Man sollte in der Bevölkerung keine Panik verbreiten und den Verkehr einstellen. Das Virus wird zudem nicht über die Luft übertragen, sondern wirklich nur bei direktem Kontakt zwischen zwei Menschen.

Unsere Grundmaßnahmen sind die Isolierung und Behandlung der Kranken, die Kommunikation gegenüber der Bevölkerung und die Aufklärung über Vorsichtsmaßnahmen. Mit Letzterem sind unter anderem Begräbnisrituale gemeint. Die Körper sind auch nach dem Tod noch eine Zeitlang ansteckend. Wir zeigen den Menschen, wie sie ihre Angehörigen desinfizieren und schnell beerdigen, damit sie sich nicht selbst infizieren.


Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen in einer Isolationszone in Guinea. (Foto: AP Photo/Kjell Gunnar Beraas, MSF)

derStandard.at: Stichwort Panik: In der vergangenen Woche kam es zu einem Angriff auf ein Zentrum von Ärzte ohne Grenzen in Macenta. Der Grund dafür waren Gerüchte, dass das Virus von ausländischen Helfern eingeschleppt wurde. Wie reagiert Ärzte ohne Grenzen darauf?

Nicolai: Das ist schwer. Wir haben das Virus sicher nicht eingeschleppt, aber wir verstehen, dass die aktuelle Situation die Leute sehr beunruhigt. Die Bevölkerung ist besorgt und kennt solch eine Epidemie noch nicht, da es in Guinea zuvor noch keinen Ebola-Ausbruch gegeben hat. Wir versuchen nun die Menschen aufzuklären und über die Erkrankung zu informieren. Das geschieht vor allem auch, weil wir die Unterstützung der Bevölkerung brauchen. Trotzdem wurden die Aktivitäten in Macenta vorübergehend eingestellt.

derStandard.at: Konnten Sie bereits Erfolge verzeichnen?

Nicolai: Wir glauben nicht, dass sich das Virus weiter geografisch ausbreitet. Dennoch ist es durch die Reisetätigkeit der Menschen bereits sehr verbreitet. Aus den Spitälern wurden zudem die ersten geheilten Patienten entlassen. Das ist auch wichtig für die Moral der Helfer vor Ort. Wenn man nur sterbende Menschen behandelt, ist das sehr hart. Man muss aber festhalten, dass die Erkrankten selbst das Virus durch ihre Abwehrkräfte besiegen müssen. Wir können nur dafür sorgen, dass sie nicht dehydrieren und genügend essen. Medikamente gibt es keine.

derStandard.at: Im Moment wird nach der Ursache für die Epidemie gesucht. In Verdacht stehen Wildtiere. Experten nehmen deshalb Proben vor Ort, die Auswertung wird erst in vier Wochen Gewissheit bringen. Können sich in der Zwischenzeit mehr Menschen durch Tiere infizieren?

Nicolai: Wir wissen, dass der Grund für die Infektionen die Waldtiere sind. Ebola ist ein sehr altes Virus, das bereits lange in den Tieren Afrikas lebt. So etwa in Flughunden, die aber nicht selbst daran erkranken können. Wahrscheinlich wurden infizierte Wildtiere von Menschen gegessen. Wir konzentrieren uns allerdings auf die Übertragung von Menschen zu Menschen und wie diese unterbunden werden kann. Das Virus selbst kann man in den Tieren nicht ausrotten. (Bianca Blei, derStandard.at, 9.4.2014)


Meinie Nicolai begann ihr Engagement bei Ärzte ohne Grenzen im Jahr 1992. Damals war sie als Krankenschwester in Liberia. Nach Einsätzen in Angola, dem Ostkongo, Äthiopien, Ruanda, Somalia und dem Südsudan wurde sie im Jahr 2004 Leiterin der Einsätze im Brüsseler Büro. 2010 wurde sie schließlich zur Präsidentin von Ärzte ohne Grenzen Belgien gewählt.


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