Toledo: Alte Ansichten ohne Anstand

8. April 2014, 16:44
5 Postings

Zum 400. Todestag von El Greco: In Toledo wird die Geschichte des Griechen, der für Spanien malte, wieder lebendig

Dreimal anklopfen hilft. Rascheln, Geklapper, ein Schlüssel dreht sich im Schloss. Dann geht die Holztür im Portal der Klosterkirche von Santo Domingo el Antiguo in der Altstadt von Toledo auf. Eine verschmitzt lächelnde Nonne mittleren Alters fragt nach dem Grund des Besuchs. "Sie verirren sich hierher wegen El Greco? Das kommt ja selten vor. Treten Sie ein." Die Barockkirche hat einen großen Altar und zwei Seitenaltäre von El Greco. Im Keller der Kirche unter dem Hauptschiff befindet sich ein Zinksarg. Das ist die Grabstätte des spanischen Nationalmalers, der am 7. April 1614 in der Stadt am Tajo starb.

Die Klosterkirche markiert in dieser Stadt, 65 Kilometer südwestlich von Madrid, Anfang und Ende der Arbeit eines Malers, der durch seinen expressionistischen Stil und übersatte Farben berühmt wurde und seiner Zeit gut 200 Jahre voraus war. El Greco hat nicht nur die Bilder des Hauptaltars gemalt, sondern auch den haushohen Altarrahmen angefertigt. Es war im Jahre 1578 sein erster Großauftrag in Spanien. Mehr noch als seine Gemälde schätze man damals den Altaraufbau als Rahmen. Und doch waren es die Bilder, die ihn berühmt machten. Die Heilige Dreifaltigkeit , Johannes der Täufer und Marias Himmelfahrt hat er für diesen Altar gemalt. Das Hauptwerk befindet sich jedoch an der Seite - die Auferstehung Christi.

Neben El Grecos Bildern gibt es wenige Spuren aus dem Leben des Künstlers: Sein genauer Geburtstag ist unbekannt, sein Haus im jüdischen Viertel Toledos existiert nicht mehr, es gibt auch kein gesichertes Porträt von El Greco, und der Sarg im Keller ist leer. Fünf Jahre nach dem Tod des Künstlers wurden seine Gebeine in die Kirche von San Torcuato, 16 Kilometer östlich von Alcalá bei Madrid, überführt, weil sich die Nonnen des Klosters in Toledo nicht auf einen Preis für die Künstlergruft einigen konnten. Mit dem Abbruch des Gotteshauses in San Torcuato verschwanden auch die sterblichen Überreste des Griechen.

1541 wurde El Greco in Iraklion auf Kreta als Domínikos Theotokópoulos geboren. Bekannt und berüchtigt wurde er aber schon in Rom, daher blieb ihm auch der italienische Name Greco und nicht Griego, wie es auf Spanisch heißen müsste. In Rom bot er als 31-Jähriger Papst Pius V. an, die Nackten in Michelangelos Fresko vom Jüngsten Gericht in der Sixtinischen Kapelle zu übermalen. Dieses Anstandsangebot erschien seinen römischen Künstlerkollegen so unanständig, dass er die Ewige Stadt verlassen musste - wasserdicht verbrieft ist der Wahrheitsgehalt dieser Auswanderungslegende freilich nicht.

El Greco hatte einflussreiche spanische Freunde in Rom kennengelernt, die ihm die Entscheidung wohl leichter machten, nach Spanien auszuwandern. Das Land war damals die führende Weltmacht, jenes Reich also, in dem die Sonne dank der Überseekolonien nie unterging. Ab 1580 und bis 1640 war Spanien zudem mit Portugal vereint und die Armada noch lange nicht geschlagen.

Diego de Castilla, der Kathedraldekan von Toledo, verschaffte El Greco die ersten Aufträge für die Klosterkirche Santo Domingo. Er gab auch das Bild Die Entkleidung Christi in Auftrag, das noch immer in der Sakristei der Kathedrale in Toledo hängt. Um acht Euro ist die Erzbistumskirche und das Zentrum des spanischen Katholizismus mitsamt der dortigen El-Greco-Bilder heute zu besichtigen.

Demut und Spott

Schon El Grecos Frühwerk aus der spanischen Zeit zeigt zweierlei: eine plastisch-drastische Art zu malen, welche zur expressionistischen Ausdrucksweise seiner späten Werke führte, und seinen Sinn für Hintergründiges. So sollte die im 15. Kapitel des Markusevangeliums geschilderte Szene, eine Verspottung des zum Tode verurteilten Jesu, die hohen Priester der toledanischen Kathedrale beim Wechseln der liturgischen Gewänder demütig stimmen. Weil aber El Greco die Frechheit besaß, in dem Bild einige Figuren über dem Kopf Jesu zu malen, "verspotteten" ihn daraufhin seine Auftraggeber: Statt 900 Dukaten Honorar wollten sie nur mehr 227 zahlen.

El Greco gehörte in Spanien zu den Ersten, die dem Preisdumping begegneten, indem sie ihre Arbeiten nicht mehr als Handwerk, sondern als Kunst deklarierten. Als besser bezahlter Künstler kam er schließlich als "Ausstatter" für den Escorial-Palast infrage. Das war das neue Prestigeprojekt des spanischen Königs Philipp II., der für den Hauptaltar in der Kirche des damals weltweit größten Renaissancebaus einen Künstler suchte. El Greco malte als Bewerbungsbild Das Martyrium des Mauritius. Doch nicht die Hinrichtung des Heiligen, der als römischer Soldat den Götzendienst verweigerte, stand für den Künstler im Vordergrund, sondern ein Gespräch davor. So viel Feinsinn war dem König nicht zuzumuten. Er wollte ganz im Sinne der katholischen Gegenreformation eine geradlinige Bildsprache: Heilige sollten in einer Weise gemalt werden, die es fördert, dass man sie anbetet. El Grecos Mauritius-Darstellung verletzte diese Regel des Anstands - und dennoch bezahlte der König das Werk anstandslos.

Toledo bleibt El-Greco-Kapitale

Als unsittlich musste damals auch El Grecos erstes Aktbild aus dem Jahr 1577 angesehen worden sein. Nicht gerade leidend räkelt sich darauf der Heilige Sebastian. Das Bild hängt heute im Kathedralmuseum in Palencia. Dreißig Jahre später malte er den Sebastian noch einmal, allerdings bereits in der expressionistischen Art, die El Grecos Kunst noch heute so modern erscheinen lässt. Dieses Bild hängt neben 30 weiteren Gemälden des Griechen im Prado-Museum in Madrid. Die spanische Hauptstadt ist neben Toledo ganz klar der zweitwichtigste Ort, um seine Werke im Original zu betrachten - doch Toledo bleibt die El-Greco-Kapitale schlechthin.

Kathedrale und Domingo-Kloster sind die Schlüsselstätten zum Verständnis von El Grecos Kunst. Sein Gemälde Unbefleckte Empfängnis befindet sich im Santa-Cruz-Museum, weitere sind in der Kapelle der Kirche von San José, im Hospital Tavera und in der Casa Greco, die allerdings nicht sein Wohnhaus war, sowie in der Kirche Santo Tomé zu sehen. Dieses Gebäude in der Altstadt Toledos war El Grecos Parochialkirche, und sein Gemeindepfarrer Andrés Nunez de Madrid beauftragte ihn, das Begräbnis des Grafen von Orgaz für diesen Ort zu malen.

Schließt man allein von den Touristenströmen auf die Popularität, gehört dieses Bild zweifellos zu den berühmtesten El-Greco-Gemälden. Gegen Eintrittsgeld und bei strengstem Fotografieverbot dürfen sich Besucher aus aller Welt kurz vor das Gemälde drängen. In Auftrag gegeben wurde es 1587, weil der Gemeindepfarrer in Geldnöten steckte. Es sollte die Bürger des 35 Kilometer südlich von Toledo gelegenen Orgaz an die Zahlungsverpflichtung gegenüber seiner Gemeinde erinnern. Denn der 1327 gestorbene gottesfürchtige Graf aus Orgaz hatte zwar testamentarisch eine jährliche Zahlung seiner Bürger an die Pfarrgemeinde in Toledo zugesichert - doch 260 Jahre später wollten diese verständlicherweise niemand mehr leisten.

El Grecos Leistung bestand bei vielen seiner Werke darin, die offensichtlichen Interessen der Auftraggeber mit Kunst, Können und Gewitztheit zu verbinden. So auch in dem Spätwerk Ansicht und Plan von Toledo, das heute in der Casa Greco hängt. Mit diesem Bild, das die tatsächlichen Platzverhältnisse recht geschickt verschleierte, wollte sich die zur Randzone abgesunkene Stadt bei Hofe wieder attraktiv machen. Denn der spanische Königshof hatte Toledo 1561 aus Platzmangel für seine Repräsentationsbedürfnisse als Regierungssitz zugunsten des damals kleinstädtischen, aber großflächigen Madrids aufgegeben. Mit El Grecos Toledo-Plan und der Neugestaltung des Zocodover-Platzes kam zumindest wieder eine Hauptstadtdebatte auf. Doch blieb es bekanntermaßen nur bei Debatten.

Beweise der Unsterblichkeit

Und so kommt im Jubeljahr des 400. Todestages von El Greco einmalig bis 14. Juni 2014 eine Ausstellung ins Kulturzentrum San Marcos, die neben der stürmischen Ansicht von Toledo von 1599 aus dem New Yorker Metropolitan Museum, dem Christus am Kreuz mit zwei Stiftern von 1580 aus dem Pariser Louvre und dem Edelmann mit der Hand auf der Brust von 1584 aus dem Prado auch noch einige andere Werke, die sonst nicht in Toledo zu sehen sind, zeigt.

Gleichzeitig laufen im Prado bis 29. Juni die Ausstellungen Die Bibliothek von El Greco und vom 24. Juni bis 5. Oktober El Greco und die moderne Malerei. Letztere soll zeigen, wie El Greco ab 1900 von den Expressionisten wiederentdeckt wurde und für Maler wie Cézanne, Picasso oder Chagall wegweisend wurde. Allesamt bessere Beweise für die Unsterblichkeit des Emigranten aus der Ägäis als ein leerer Sarg in der Domingo-Kirche mit dem Gemälde der Auferstehung Christi darüber. (Nicolas van Ryk, DER STANDARD, Album, 5.4.2014)

  • Toledo hegte immer den Wunsch, spanische Hauptstadt zu bleiben, liegt aber an einem steilen Hang. Der Maler El Greco sollte mit einem Gemälde die Platznöte verschleiern.

    Toledo hegte immer den Wunsch, spanische Hauptstadt zu bleiben, liegt aber an einem steilen Hang. Der Maler El Greco sollte mit einem Gemälde die Platznöte verschleiern.

  • Ab Wien fliegt zum Beispiel Iberia direkt nach Madrid, Umsteigeverbindungen wie etwa Lufthansa über München oder Brussels Airlines über Brüssel sind oft ein wenig günstiger. Von Madrid aus kann Toledo mit dem Zug vom Bahnhof Atocha für neun Euro pro einfache Fahrt oder einem Taxi für rund 115 Euro pro Strecke erreicht werden. Wer die Landschaft um Toledo bereisen will, für den ist ein Mietauto sinnvoll und obendrein günstig - ab 130 Euro sollte man pro Woche einkalkulieren. Wer nur zwischen Madrid und Toledo pendelt, für den sollten die Öffis ausreichend sein - in Toledo, das gut zu Fuß erschlossen werden kann, ist ein Auto unnötig.

    Ab Wien fliegt zum Beispiel Iberia direkt nach Madrid, Umsteigeverbindungen wie etwa Lufthansa über München oder Brussels Airlines über Brüssel sind oft ein wenig günstiger. Von Madrid aus kann Toledo mit dem Zug vom Bahnhof Atocha für neun Euro pro einfache Fahrt oder einem Taxi für rund 115 Euro pro Strecke erreicht werden. Wer die Landschaft um Toledo bereisen will, für den ist ein Mietauto sinnvoll und obendrein günstig - ab 130 Euro sollte man pro Woche einkalkulieren. Wer nur zwischen Madrid und Toledo pendelt, für den sollten die Öffis ausreichend sein - in Toledo, das gut zu Fuß erschlossen werden kann, ist ein Auto unnötig.

  • Wer die vom Fluss Tajo umrundete Altstadt von Toledo sehen möchte, wie sie El Greco gemalt hat, ist im Parador bestens aufgehoben:  Parador de Turismo de Toledo, Cerro del Emperador, s/n. Doppelzimmer ab 135 Euro
Essen: Draußen, drinnen und sogar im Weinkeller gibt es gute kastilische Kost als Menüs oder Tapas im Altstadtrestaurant Kumera in der Calle Alfonso X El Sabio 2
In einem schönen Innenhof auf zwei Etagen wird in einer Seitengasse hinter der Kathedrale Schmackhaftes serviert: Restaurant Locum in der Calle Locum 6

    Wer die vom Fluss Tajo umrundete Altstadt von Toledo sehen möchte, wie sie El Greco gemalt hat, ist im Parador bestens aufgehoben:  Parador de Turismo de Toledo, Cerro del Emperador, s/n. Doppelzimmer ab 135 Euro

    Essen: Draußen, drinnen und sogar im Weinkeller gibt es gute kastilische Kost als Menüs oder Tapas im Altstadtrestaurant Kumera in der Calle Alfonso X El Sabio 2

    In einem schönen Innenhof auf zwei Etagen wird in einer Seitengasse hinter der Kathedrale Schmackhaftes serviert: Restaurant Locum in der Calle Locum 6

  • Das Museo del Greco in Toledo bietet ganzjährig einen umfassenden Überblick über das Werk des Malers.
Das Gesamtprogramm zum El-Greco-Jahr in ganz Spanien ist zu finden unter: www.elgreco2014.com
Touristische Infos, Vorschläge für Spaziergänge und weitere Kultur-Events  aus Toledo: www.toledo-turismo.com/ge; weiterführende Infos über das Spanische Fremdenverkehrsamt in der Walfischg. 8/14, 1010 Wien oder: www.spain.info
Buchtipp: Michael Scholz-Hänsel: "El Greco", Taschen-Verlag Köln 2012, 9,99 Euro.

Foto: commons.wikimedia.org
    foto: commons.wikimedia.org

    Das Museo del Greco in Toledo bietet ganzjährig einen umfassenden Überblick über das Werk des Malers.

    Das Gesamtprogramm zum El-Greco-Jahr in ganz Spanien ist zu finden unter: www.elgreco2014.com

    Touristische Infos, Vorschläge für Spaziergänge und weitere Kultur-Events  aus Toledo: www.toledo-turismo.com/ge; weiterführende Infos über das Spanische Fremdenverkehrsamt in der Walfischg. 8/14, 1010 Wien oder: www.spain.info

    Buchtipp: Michael Scholz-Hänsel: "El Greco", Taschen-Verlag Köln 2012, 9,99 Euro.


    Foto: commons.wikimedia.org

Share if you care.