Auf die Mischung kommt es an

Analyse8. April 2014, 05:30
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Das gilt nicht nur beim Kochen, sondern auch beim Sprechen

Sprache und Sprachen benützen wir, um unsere Gedanken zu äußern und mit anderen Menschen Kontakt zu pflegen, und tun dies im Normalfall mit derselben Selbstverständlichkeit, mit der wir gehen oder atmen. Schwierig wird es, wenn wir etwa gefordert sind, komplexe Gedanken auszudrücken, kompliziere Gesprächssituationen zu meistern oder uns in einer Fremdsprache unterhalten müssen. Dann fühlt sich das Sprechen nicht mehr so selbstverständlich wie Gehen an, sondern in etwa so mühsam wie Bewegen unter Wasser oder Atmen durch eine Tauchermaske.

Von Schul-Italienisch bis Küchen-Russisch

Um das – eigentlich nicht restlos erklärbare und verblüffende – Phänomen der sprachlichen Kommunikation systematisch erfahrbar zu machen, haben wir uns angewöhnt, Einzelsprachen als halbwegs abgeschlossene Einheiten wahrzunehmen. So behaupten wir dann von uns selbst, wir sprächen Deutsch, Englisch und ein wenig Schul-Italienisch oder Küchen-Russisch und haben vage Vorstellungen davon, welche kommunikativen Situationen wir mit unseren jeweiligen Sprachkenntnissen bewältigen könnten.

Die Verunsicherung des selbstreflexiben Tausendfüßlers

Über Sprache und das eigene Sprechen nachzudenken, kann mitunter verunsichern, wie beim sprichwörtlichen Tausendfüßler, der angesichts der Frage, wie er das mache, völlig aus dem Konzept gerät. Die wohl schönste Sprachverunsicherung der Literaturgeschichte hielt Hugo von Hofmannsthal im Chandos-Brief fest, wo es unter anderen heißt: "Mein Fall ist, in Kürze, dieser: Es ist mir völlig die Fähigkeit abhanden gekommen, über irgend etwas zusammenhängend zu denken oder zu sprechen" und weiter "die abstrakten Worte, deren sich doch die Zunge naturgemäß bedienen muß, um irgendwelches Urtheil an den Tag zu geben, zerfielen mir im Munde wie modrige Pilze".

Aber zurück zum eigentlichen Thema, dem Sprachenmischmasch. Bei näherer Betrachtung entzieht sich auch die "ganz normale" Verständigung in einer Sprache einer absoluten Eindeutigkeit und Zuordenbarkeit. Sprechen bedeutet immer, zwischen Ebenen, Stilen und Ausdrucksweisen zu changieren.

"No woman, no cry"

Wer sich mit Diversität von Sprache beschäftigt, wird auf einige dieser Phänomene stoßen.

Kreolensprachen entstehen in einer Sprachkontaktsituation, meist vor dem Hintergrund von Kolonialherrschaft, wenn der Wortschatz einer Sprache in eine andere übergeht. Kreolensprachen sind Muttersprachen, Kinder lernen sie von klein auf. Der Wortschatz kann unter anderem auf Englisch, Französisch, Portugiesisch, Dänisch, Deutsch, Niederländisch oder Arabisch basieren. Bob Marley machte einen Satz auf Jamaika-Kreolisch weltberühmt: "No woman, no cry" bedeutet "No, woman, don´t cry" (und nicht etwa "Ka Frau, ka Gschrei!", wie es der Volksmund wissen will).

Im Gegensatz zu Kreolensprachen ist eine Pidgin-Sprache keine Muttersprache, sondern eine Behelfssprache mit vereinfachter Grammatik, die als Fremdsprache erlernt wird, um in einem Gebiet die Verständigung zu erleichtern. Pidgin-Sprachen entstehen ebenfalls meist vor dem Hintergrund von Kolonialherrschaft. Aus einer Pidginsprache kann in der nächsten Generation eine Kreolensprache hervorgehen.

Sprache als Alleinstellungsmerkmal einer Gruppe

Manchmal haben Gruppen gewissermaßen eine eigene Sprache, beispielsweise Jugendliche, die sich durch einen Slang oder einen Jargon von anderen Jugendlichen und von Erwachsenen unterscheiden wollen. In diesem Fall spricht man von einem Soziolekt. Ein berühmtes Beispiel für einen künstlichen Slang aus der Literatur ist das "Nadzat" (russisch für die Nachsilbe "-teen") im anti-utopischen Roman "A Clockwork Orange" von Anthony Burgess. Darin bedient sich Alex de Large, ein jugendlicher Gewalttäter mit einem Hang zu exzentrischer Ästhetik, im Umgang mit seiner nicht minder exzentrischen Schlägertruppe einer Sprache, die von russischen Wörtern und Begriffen durchsetzt ist. Burgess schuf mit "A Clockwork Orange" ein Paradebeispiel für einen künstlichen Slang, der auch aus übersetzerischer Sicht hochinteressant ist. In der russischen Version wurden die ursprünglich russischen Ausdrücke wiederum als Anglizismen übersetzt, um die innere Logik des Slangs beizubehalten.

Ein Idiolekt bezeichnet die individuelle Sprache eines einzelnen Menschen, die sich in Wortschatz, Ausdrucksweise oder Aussprache von anderen Sprechern unterscheiden kann.

Der Dialekt oder die Mundart ist eine lokale oder regionale Sprachvarietät, die sich im Hinblick auf Wortschatz, Satzbau, Morphologie etc. von der Standardsprache unterscheidet.

Eine gewissermaßen im Entstehen begriffene Sprache ist das "Denglish": eine Mischung aus Deutsch und Englisch. Damit wird auf das verstärkte Aufkommen von Anglizismen in der deutschen Sprache angespielt, wie etwa in "Hast du den Flug gecancelt?", oder "eine stylishe Frisur."

Müheloses Switchen

Vor dem Hintergrund dieser Phänomene zeigt es sich, dass jeder Mensch de facto mehrsprachig ist und je nach Kontext und Gesprächspartner ganz unterschiedliche Register und Sprechweisen mobilisieren kann. Diese Art von Mehrsprachigkeit ist jedoch in der Regel so internalisiert, dass das Switchen automatisch erfolgt, ohne dass wir uns besondere Gedanken darüber machen müssen. (Mascha Dabić, 8.4.2014, daStandard.at)

Webtipp: Der Chandos-Brief

 

  • Sprechen bedeutet immer, zwischen Ebenen, Stilen und Ausdrucksweisen zu changieren.
    foto: standard

    Sprechen bedeutet immer, zwischen Ebenen, Stilen und Ausdrucksweisen zu changieren.

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