Hongkong: Ein Finanzhub strebt aufs IT-Parkett

Ansichtssache9. April 2014, 17:30
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Die südchinesische Metropole wird von vielen als eine Art "westliche Enklave" im kommunistischen China angesehen. Diese schickt sich an, sich nicht nur als Finanzhub und Tourismusmagnet, sondern auch als IT-Standort zu positionieren.

Elf Stunden beträgt die Flugzeit von Frankfurt nach Hongkong. Von einem mittelgroßen und nicht besonders schmucken Flughafen führen Busse und E-Bahnen in die Stadt, die sich vom Festland über die angrenzenden und per Brücken verbundenen Inseln ausbreitet. Die Stadt steht seit 1997 nach 100 Jahre britischer nun wieder unter chinesischer Verwaltung, wird aber als Sonderverwaltungszone geführt.

Etwa 60 Prozent des zur Stadt gehörenden Gebietes ist teils dicht bewaldetes, spärlich besiedeltes Hügelland, dessen Bebauung untersagt ist. Infolge dessen wachsen Gebäude hier quasi "traditionell" hoch in den Himmel – dieser Text etwa entstand im 44. Stockwerk eines Hotels im Zentralraum der Metropole.

foto: derstandard.at/georg pichler

Die Häuserschluchten Hongkongs vor den dicht bewaldeten Hügeln gehören zu den eindrucksvollsten Kulissen des modernen Städtebaus. 7,18 Millionen Menschen (Stand: 2013) leben hier auf sehr begrenztem Raum.

Dabei ergeben sich faszinierende Kontraste – nicht selten findet sich ein verfallen wirkender, riesiger Plattenbau gegenüber eines gülden im Sonnenlicht glitzernden, modernen Riesen. Stetiger Abriss und Neuerrichtungen machen Baukräne zu einem fixen Bestandteil der Skyline Hongkongs. In den Straßenschluchten tönt der Autoverkehr Tag und Nacht, Passanten nützen meist Unterführungen oder Brücken durch die zahllosen Einkaufszentren zur Querung der Straßenschluchten, Fußgängerampeln sieht man vergleichsweise selten.

Im Laufe des letzten Jahrhunderts hat sich Hongkong gewandelt. Lebt die Wirtschaft der Volksrepublik China, hier oft als "Mainland China" bezeichnet, in hohem Maße von ihren Kapazitäten in der Massenfertigung – die Industriestadt Shenzhen liegt gerade einmal zwei Autostunden entfernt -, ist dieser Sektor aus Hongkong praktisch verschwunden. Finanzwesen und Tourismus sind die wichtigsten Standbeine der Region.

Dem soll sich, so erklärt Joey Lam, die stellvertretende CIO von Hongkong, ein weiterer Pfeiler hinzu gesellen: Die IT-Branche. Man möchte ein Hub für Technologie und Dienstleistungen werden.

Das Stichwort China ruft freilich das Stichwort "Zensur" unmittelbar in Erinnerung. Viele Dienste lassen sich nur eingeschränkt nutzen, Zensoren überwachen das Verhalten der Bürger im Netz. Jedoch: Hongkong ist anders.

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foto: derstandard.at/georg pichler

Das Nachtleben in Downtown Hongkong unterscheidet sich - vom kulinarischen Angebot abgesehen - nicht merkbar von westlichen Metropolen.

Hier, so Lam, gibt es weder gefilterten Datenverkehr, noch Fünfjahrespläne, sagt sie unter Verweis auf den "Index of Economic Freedom" der Heritage Foundation, in welchem Hongkong aktuell als der freieste Markt der Welt gelistet wird. "Ein Land, zwei Systeme", lautet das oft wiederholte Schlagwort.

Während in Festland-China nur eine Minderheit online ist und in ländlichen Bereichen die Infrastruktur oft fehlt, verfügen in Hongkong nach Angaben der Stadtadministration 83,2 Prozent aller Haushalte über einen Breitbandzugang. Über 200 Provider rittern um die Gunst der Kunden. Dazu gibt es über 20.500 WLAN-Hotspots. Mobile Telefonie nutzen über 98 Prozent der Menschen, auf die Gesamteinwohnerzahl gerechnet kommen auf jeden Kopf 2,38 SIM-Karten.

Auch der Großteil der noch offline lebenden Bevölkerung soll bald im Web unterwegs sein, sagt Lam. Sie erklärt, dass die Stadtregierung die Nutzung des Internets auch als Werkzeug zur sozialen Inklusion begreift. Über verschiedene Programme will man nun zunehmend ältere Menschen (60+), körperlich Beeinträchtigte sowie Schüler und Studenten aus ärmeren Verhältnissen online bringen.

Für Senioren arbeitet man an verschiedenen Schulungen mit teils wettbewerbsartigen Elementen. Dadurch verspricht man sich höhere Teilnehmermotivation als bei üblichem Unterricht. Regierungs-Services im Internet sind nicht nur auf technischer Ebene vereinheitlicht, sondern sollen bald auch die Web Content Acessibility Guidelines nach AA-Kriterien der Standardisierungsorganisation W3C erfüllen. Für Private möchte man künftig Anreize schaffen, diese ebenfalls umzusetzen.

Benachteiligten Lernenden sollen Stipendien und mit privaten Unternehmen ausgehandelte Rabatte sowie Reparaturgutscheine helfen. Mehr IT-Inhalte im Bildungsprogramm – etwa die Beherrschung von Programmiersprachen - sollen das Interesse für das Internet und IT im Allgemeinen heben. Niedrige Bildung, schildert Lam, sei eine der bedeutendsten Ursachen, auf einen Internetanschluss zu verzichten.

Fachkräften aus anderen Staaten wird außerdem die Einbürgerung erleichtert. Wer ein Unternehmen gründet, soll das Potenzial des riesigen chinesischen Marktes nutzen können, der für Firmen aus Hongkong wesentlich leichter zugänglich ist als für ausländische.

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foto: derstandard.at/georg pichler

Im Gegensatz zu Kontinental-China wird in Hongkong auch politischer Protest geduldet. Hier warfen Mitglieder der "Demokratischen Partei" etwas später Eier gegen die Fassade gegen das Gebäude der Stadtregierung.

Neben dem Versuch, junge IT-Talente heranzuziehen, sollen Unterfangen wie das heuer zum zweiten Mal organisierte IT Fest die Branche sichtbarer machen und Experten anlocken. Behandelt werden Themen von Mobiltechnologie über Smart Cities, Internet of Things bis hin zu Cybercrime.

In den seit vier Jahren verliehenen ICT Awards möchte man der jungen Branche mit Publicity und Förderungen unter die Arme greifen. In der Jury für die verschiedenen Kategorien sitzen Vertreter der Stadt als auch der Privatwirtschaft.

Die Ergebnisse wecken etwas gemischte Gefühle. Gesamtsieger wurde dieses Jahr "Jamn", eine iPhone-App die als Multifunktionswerkzeug für Musiker angepriesen wird. Sie soll es Musikern erleichtern, eigene Songs zu entwerfen. Als Gaminglösung ausgezeichnet wurde "Phonejoy", ein Accessoir mit cleverem Ausziehmechanismus, das aus jedem aktuelleren Smartphone eine Handheld-Konsole macht.

Eher lokale Bedürfnisse erfüllt wiederum das Spiel "iHorse Racing". Der Innovationsfaktor lässt sich hier nur eher schwer erkennen, denn Umsetzungen des in Hongkong beliebten Wettsports gibt es bei iTunes und Google Play bereits zu Hauf herunterzuladen.

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foto: derstandard.at/georg pichler

Die lokale IT-Branche steckt noch in den Kinderschuhen, wächst aber deutlich. Nach Angaben der ICT Award-Organisatoren wurden heuer 1.100 Projekte eingereicht.

Irgendwo zwischen "künstlerisch wertvoll" und "ziemlich durchgeknallt" rangiert der "Touchy"-Helm, der seinen Träger zu einer menschlichen Kamera macht. Berührt man einen drahtlos mit dem Gadget verbundenen Ball für zehn Sekunden, knipst die auf Augenhöhe angebrachte Kamera ein Foto und schließt dabei das Blickfeld kurz, um einen Shutter-Effekt zu erzeugen. Das Bild wird auf einem kleinen Display auf der Rückseite des Helms ausgegeben.

Es ist etwas in Bewegung, doch Wirtschaft und Politik haben noch Arbeit vor sich. Die Stadtregierung sieht sich in ihrem Kurs, Anreize zu setzen, die Entwicklung und den Bau von Infrastruktur aber fast gänzlich dem Markt zu überlassen, bestätigt. Ob es letztlich gelingt, die IT-Industrie zum dritten Eckpfeiler der hiesigen Wirtschaft zu machen, bleibt abzuwarten.

Sollte das Konzept aufgehen, hätte es freilich Vorbildwirkung. Nicht nur für andere Länder des asiatisch-pazifischen Raumes, sondern möglicherweise auch das neue, alte Mutterland China und seine kommunistische Führung.

Im Jahr 2047 läuft die chinesisch-britische Erklärung, in welcher die Erhaltung des westlich geprägten Systems Hongkongs seit der Rückgabe garantiert wird, aus. Dann muss die Pekinger Zentralregierung über das Schicksal der internationalen Metropole an seiner Südküste entscheiden. (Georg Pichler aus Hongkong, derStandard.at, 09.04.213)

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Reise und Unterbringung wurden von der Stadtregierung Hongkong übernommen.

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