Indiens Sehnsucht nach dem starken Mann

8. April 2014, 05:30
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Noch vor kurzem galt er als unwählbar. Zeitungen nannten ihn sogar offen einen Mörder. Nun könnte der undurchsichtige Hindu-Nationalist Narendra Modi Indiens neuer Premierminister werden. Ihm hilft die immense Unzufriedenheit mit der etablierten Politik

Er strotzt nur so vor Siegessicherheit: "Von Kaschmir bis Kanyakumari" werde die Kongresspartei in keinem Bundesstaat auf zweistellige Sitzzahlen kommen, prahlt Narendra Modi. Der 63-Jährige hat Grund, den Mund vollzunehmen. Wenn nicht alle Umfragen täuschen, wird der umstrittene Hindu-Nationalist demnächst die mit 1,2 Milliarden Einwohnern zweitgrößte Nation der Welt regieren.

In Indien hat am Montag die größte Wahl der Weltgeschichte begonnen. Fast 815 Millionen Inder sind aufgerufen, eine neue Führung zu wählen. Das sind mehr Menschen, als die EU und die USA zusammen an Einwohnern haben. Der logistische Aufwand ist gigantisch. Mit Booten, Hubschraubern, Kamelen und Eseln wurden Stimmzettel auch in die letzten Ecken des Riesenlandes gebracht. Bis 12. Mai dauert der Wahlmarathon, der in neun Etappen vonstatten geht.

Doch es ist weniger der gigantische Aufwand, der Indien umtreibt. Das Land steht vor einer Zeitenwende. In allen Umfragen liegt die Hindu-Partei BJP von Modi klar vorne. Die seit zehn Jahren regierende Kongresspartei könnte dagegen böse abgestraft werden, womöglich sogar eine historische Niederlage erleben.

Umstrittener Favorit

Nun sind Umfragen in Indien mit Vorsicht zu genießen, weil das Mehrheitswahlrecht das Ergebnis kaum kalkulierbar macht. Doch alles sieht nach einem Machtwechsel aus. Dabei galt Modi, der seit 2001 bereits Regierungschef von Gujarat ist, vor wenigen Jahren als bundesweit unwählbar.

In Zeitungen wurde er offen als Mörder tituliert. Unter seiner Ägide haben Hindu-Fanatiker in Gujarat im Frühjahr 2002 hunderte Muslime massakriert. Zwar wurde nie bewiesen, dass Modi etwas damit zu tun hat. Doch viele glauben, dass er die Pogrome geduldet hat. Auch hat er sich bis heute allenfalls halbherzig entschuldigt.

Ausgerechnet dieser Mann könnte nun im Triumph Delhi erobern. Zu groß ist der Unmut über die Kongresspartei. Ihre letzten Jahre an der Regierung glichen einem politischen Offenbarungseid. Von Visionen und Reformen keine Spur. Stattdessen erweckte eine ganze Serie von Skandalen den Eindruck, dass sich die Elite vor allem die Taschen vollstopft.

Dafür bezahlen die Armen: Die Wirtschaft schwächelt, die Preise sind explodiert. In der Not erscheint Modi vielen als Hoffnungsträger. Geschickt inszeniert er sich als dynamischer Macher. Das kommt bei den Massen gut an, die sich nach einem starken Mann sehnen. Auch die Bosse der großen Familienkonzerne Ambani, Mittal und Tata stehen hinter dem Kandidaten.

Abschreiben sollte man die Gandhi-Dynastie, die in der Kongresspartei noch immer die Fäden in der Hand hält, aber nicht. Mit aller Kraft versuchten sie, das Blatt zu wenden. Zuletzt legte Sonia Gandhi 80 Wahlauftritte hin. Ihr Sohn Rahul, 43-jähriger Kronprinz, brachte es auf 125. Und sie versprachen dem Volk das Blaue vom Himmel, sprich: Wohltaten in Milliardenhöhe.

Doch der blasse Rahul tut sich schwer, gegen den charismatischen Modi zu punkten. Modi, der sich angeblich vom armen Teejungen zum Regierungschef hocharbeitete, gibt die Antithese zu den Gandhis, die das Land fast wie ungekrönte Könige regierten. "Wir brauchen keine Herrscher in einer Demokratie", attackiert Modi die Gandhis. "Wir brauchen Diener in einer Demokratie. Ich komme zu euch als Diener und nicht als Herrscher."

Modi trifft damit einen Nerv, vor allem bei der großen Zahl junger Wähler. Auf der wachsenden Welle des Unmuts über die korrupte Elite schwimmt auch die neue Protestpartei Aam Aadmi ("Partei des kleinen Mannes") des Antikorruptionsaktivisten Arvind Kejriwal. Bei Wahlen in Delhi holte sie einen Überraschungssieg. Ob sie das bundesweit wiederholen kann, ist aber fraglich.

Beobachter glauben, dass mit dieser Wahl eine Epoche zu Ende gehen könnte: Seit Indiens Unabhängigkeit 1947 haben die Gandhis Indiens Politik dominiert, bis auf 13 Jahre hat ihre Kongresspartei das Land regiert. Drei Premiers hat der Clan gestellt. Andere, wie der amtierende Premier Manmohan Singh, waren seine treuen Statthalter. Eine historische Schlappe könnte auch das Ende der politischen Vorherrschaft der Gandhis über die Kongresspartei und damit über Indiens Politik einläuten. (Christine Möllhoff aus Neu-Delhi, DER STANDARD, 8.4.2014)

  • Im indischen Bundesstaat Tripura starteten Montag die größten Wahlen der Geschichte.
    foto: ap/saurabh das

    Im indischen Bundesstaat Tripura starteten Montag die größten Wahlen der Geschichte.

  • Narendra Modi gilt dabei als großer Favorit.
    foto: reuters

    Narendra Modi gilt dabei als großer Favorit.

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