UNO-Chef zu Ruanda-Genozid: "Wir hätten mehr tun können"

7. April 2014, 16:02
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Neuer diplomatischer Eklat: Französischer Botschafter kurzfristig von Gedenkfeier ausgeladen

Kigali/New York - Zwei Jahrzehnte nach dem Völkermord in Ruanda lasten die Verbrechen nach den Worten von UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon weiter schwer auf der Weltgemeinschaft. "Auch eine Generation nach den Ereignissen währt die Schande fort", sagte Ban am Montag bei einer Gedenkfeier für die Opfer in Kigali. Im Streit um die Schuldfrage gab es erneut einen diplomatischen Eklat zwischen Ruanda und Frankreich.

"Wir hätten mehr tun können", sagte Ban. "Wir hätten mehr tun müssen." Der UN-Generalsekretär erinnerte daran, dass in den Monaten, in denen der Völkermord verübt wurde, rund 2.500 UNO-Blauhelmsoldaten aus dem Land abgezogen wurden. "Die Truppen wurden abgezogen, als sie am meisten gebraucht wurden."

Die Weltgemeinschaft habe aus dem Völkermord in Ruanda und aus dem Massaker im bosnischen Srebrenica 1995 Konsequenzen gezogen, sagte Ban. Regierende könnten nicht mehr behaupten, dass Gräueltaten eine "innere Angelegenheit" des Landes seien.

"Eines der finstersten Kapitel"

Der Völkermord in Ruanda mit geschätzten 800.000 Toten, vor allem Tutsi, sei "eines der finstersten Kapitel in der Geschichte der Menschheit", sagte Ban. Heute stehe "Syrien in Flammen", in der Zentralafrikanischen Republik herrsche "Chaos". Der UNO-Generalsekretär forderte: "Wenn Sie Menschen sehen, die der Gefahr von Gräueltaten ausgesetzt sind, warten Sie nicht auf Anweisungen aus der Ferne! Sprechen Sie, auch wenn es verletzend sein mag! Handeln Sie!"

Am Völkermord-Mahnmal in der ruandischen Hauptstadt entzündeten Präsident Paul Kagame und der UNO-Generalsekretär gemeinsam eine "Flamme der Trauer", die nun 100 Tage brennen soll. So lange hatten in den Monaten April bis Juli 1994 die Massaker angedauert. Der Völkermord hat die kollektive Erinnerung in Ruanda tief geprägt. Die Begriffe Hutu und Tutsi für die verfeindeten Volksgruppen, die sich damals im wesentlichen gegenüberstanden, sind im öffentlichen Gebrauch inzwischen tabu, die juristische Aufarbeitung ist dagegen nicht abgeschlossen.

Französischer Botschafter ausgeladen

Im Streit über eine Mitschuld Frankreichs wurde der französische Botschafter Michel Flesch von der Regierung in Kigali kurzfristig von den Gedenkfeiern ausgeladen. Kagame hatte Frankreich am Wochenende erneut eine Mitschuld an dem Völkermord vorgeworfen. Frankreich sagte daraufhin die geplante Teilnahme von Justizministerin Christiane Taubira an der Gedenkfeier ab. Der frühere Premierminister Edouard Balladur, der zur Zeit der Massaker an der Spitze der Regierung in Paris stand, sagte, Frankreich sei "kein Komplize des Völkermords gewesen", solche Anschuldigungen seien "Lügen".

Kagame hatte in einem Interview gesagt, Frankreich und Belgien hätten bei der "politischen Vorbereitung" der Massenmorde 1994 eine "direkte Rolle" gespielt. Französische Soldaten, die für einen humanitären Militäreinsatz in der früheren belgischen Kolonie stationiert waren, seien "Akteure" und "Komplizen" bei den Massakern gewesen.

Auch am Montag kam Kagame indirekt auf seine Vorwürfe zurück, indem er sagte, es werde nicht möglich sein, "die Fakten zu ändern". Niemand könne ein Volk zwingen, seine Geschichte umzuschreiben, sagte Kagame, der dafür kurz in die französische Sprache wechselte. 30.000 Teilnehmer der Zeremonie im Amahoro-Stadion stimmten später die Nationalhymne an und sangen: "Unsere gemeinsame Kultur ist unsere Identität, unsere Sprache eint uns." (APA, 7.4.2014)

  • Bei der Trauerfeier in Ruanda wird der Genozid von 1994 nachgestellt.
    foto: ap photo/ben curtis

    Bei der Trauerfeier in Ruanda wird der Genozid von 1994 nachgestellt.

  • UN-Generalsekretär Ban Ki-moon mit Ruandas Präsident Paul Kagame bei der Trauerfeier.
    foto: reuters/noor khamis

    UN-Generalsekretär Ban Ki-moon mit Ruandas Präsident Paul Kagame bei der Trauerfeier.

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