Spätes Debüt in hochklassiger Harmonie

7. April 2014, 17:12
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Wiener Philharmoniker und Jaap van Zweden mit Bruckners Achter im Konzerthaus

Wien - Oft bieten Erkrankungen arrivierter Dirigenten jüngeren Kollegen die Chance, als Einspringer zu einem schnellen, prestigeträchtigen Debüt zu kommen. Diesmal war es umgekehrt: Weil der 39-jährige Yannick Nézet-Séguin seine Dirigate bei den Wiener Philharmonikern aus gesundheitlichen Gründen zurücklegen musste, fand sich der 53-jährige Niederländer Jaap van Zweden erstmals am Dirigentenpult des Spitzenorchesters wieder.

Van Zweden, ehemaliger Konzertmeister des Concertgebouw-Orchesters und aktueller Chefdirigent des Dallas Symphony Orchestra und des Hong Kong Philharmonic Orchestra, ist Nézet-Séguin, dem tänzelnden Turbo aus Kanada, eigentlich gar nicht so unähnlich: Hohe Präzision und Elastizität zeichnen seinen führungssicheren, aber auch feinfühligen Dirigierstil aus. Bei Bruckners achter Symphonie schien es, als ob er und die Wiener Philharmoniker schon über Jahrzehnte zusammen musiziert hätten: Die Intention des Dirigenten und die Ausführung des Orchesters waren deckungsgleich. Wie Reiter und Ross in absoluter Harmonie.

Selbst über das ungewöhnlich hurtige Tempo des zweiten Satzes - wie aufgeregte Fischschwärme schossen die hohen Streicher hier durch die Gegend - schien es vonseiten des Uraufführungsorchesters dieses Werks kein Aufbegehren zu geben. Wundervoll delikat das Trio, wie ein Walzer im Zwei-Viertel-Takt; das Adagio war zu Beginn von diesseitiger Präsenz, von einer physischen Sinnlichkeit, berührend das Thema der Celli und Bratschen. Toll auch der militärisch-edle Gestus im ersten Thema des Finales, inklusive der brachialen Paukenschläge.

Van Zweden gelang in der Achten das Kunststück, von Beginn an großes, oft majestätisches Bruckner-Theater zu bieten, sich jedoch plattem, schwerfälligem Lärmen zu verweigern und stattdessen mit differenzierter Lebendigkeit zu fesseln. Eine Bruckner-Deutung von hoher Genauigkeit und Überzeugungskraft, in eine Reihe zu stellen mit jenen von Herbert Blomstedt und Christian Thielemann. (Stefan Ender, DER STANDARD, 8.4.2014)

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