Prozess in Wien: Der unbeholfene betrogene Briefträger

8. April 2014, 08:41
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Ein einschlägig vorbestrafter 28-Jähriger soll seinem Postboten über 7.000 Euro herausgelockt haben. Vor Gericht zeigt er nur bedingt Reue

Wien - Das Selbstvertrauen von Daniel S. könnte man auch als Überheblichkeit deuten. "Ich habe diese Woche ein sehr vielversprechendes Vorstellungsgespräch", gibt er Richterin Daniela Zwangsleitner nonchalant zur Antwort, als diese wissen will, wie er seine Schulden zurückzahlen will. Schulden, die der 28-Jährige hat, weil er seinen Briefträger um über 7.000 Euro betrogen haben soll.

Dass er Geld von Peter S. genommen hat, bestreitet der Angeklagte gar nicht. Er versucht die Sache aber eher als zinsenloses Darlehen mit unbestimmtem Rückzahlungsdatum darzustellen. Schließlich sei er in Not gewesen: arbeitslos, spielsüchtig, zwei Kinder daheim, alleine Miete und Betriebskosten betrugen 600 bis 700 Euro.

Wettleidenschaft stärkte Band

Der 51-jährige Briefträger sollte daher nicht nur die Post, sondern auch die bessere Zukunft bringen. Der Angeklagte stellt es so dar: Er sei im Juni mit dem Opfer ins Gespräch gekommen. Auch er selbst habe einmal bei der Post gearbeitet, die gemeinsame Wettleidenschaft stärkte das Band. Schließlich habe er in seiner Notlage um Geld gebeten.

Dass es in mehreren Tranchen 1.870 Euro im Juni waren, leugnet S. nicht. Ist auch schwer, schließlich gibt es einen von ihm unterschriebenen Schuldschein. "Haben Sie ihm gesagt, dass Sie das Geld vermehren werden?", fragt Zwangsleitner. "Ich habe gehofft, dass ich im Admiral etwas gewinne." "Und Sie haben verloren." "Das hätte ich wissen müssen."

Dass er sich noch mehr Geld ausgeborgt habe, leugnet der Angeklagte. Und: Er wollte es wirklich, wirklich, zurückzahlen, die erste Rate wären 200 Euro gewesen. Wären nicht plötzlich Ehefrau und Schwiegermutter des Briefträgers vor seiner Tür gestanden. "Die haben die fast eingetreten und gedroht, unten steht jemand, und ich soll mich nicht raus trauen."

Opfer standen vor Delogierung

Zwangsleitner kann die Erregung der beiden Damen durchaus nachvollziehen. Schließlich hatte der Postler seit Monaten keine Rechnungen mehr bezahlt, die Familie stand kurz vor der Delogierung. "Und? Haben Sie ihm dann die 200 Euro gezahlt?" "Nein. Ehrlich gesagt war ich dann sauer."

Für die Zukunft baut er auf das vielversprechende Vorstellungsgespräch. "Und wenn es nicht so vielversprechend läuft?" "Dann werde ich es vom Arbeitslosen- und Kindergeld zurückzahlen", versichert S. zum Staunen und Zweifel von Richterin und Staatsanwältin.

Ein Grund für Zwangsleitners Misstrauen: Der Angeklagte ist schon im Mai 2012 zu sechs Monaten bedingt verurteilt worden. Wegen Betruges. "Damals haben Sie den Leuten erzählt, Ihre Schwester liegt im AKH", zürnt die Richterin. "Haben Sie die Schulden von damals mittlerweile zurückgezahlt?", will sie wissen. "Na ja, ich bin jetzt im Exekutionsverfahren", gibt S. zu. "Also haben Sie das gleiche Spielchen zweimal gespielt." "Ich wollte ihm nicht schaden", versucht S. seine Schuld gering darzustellen.

Unbeholfenes Opfer

Der Auftritt des Opfers erklärt ein wenig, warum er ein ebensolches geworden ist. Er macht einen eher unbeholfenen und tollpatschigen Eindruck. Er erzählt von der ersten Bitte um Geld, dass er S. dann 400 oder 500 Euro auf der Straße übergeben hätte. "Hat er noch was dazu gesagt? Danke?", fragt Zwangsleitner. Der Zeuge schüttelt den Kopf. "Haben Sie einen Termin für die Rückzahlung vereinbart?" "Nein." "Warum?" "Es war meine Gutmütigkeit."

Er bestätigt auch, dass er für den Schuldschein im Juni von S. zunächst eine Blankounterschrift bekommen und dann die verborgten Summen eingesetzt habe. Ab Juli gab es aber keinen Schuldschein mehr. "Er hat mir gedroht, er kennt Leute, die für wenig Geld Arme und Beine brechen." Die Geldforderungen gingen weiter, "im August habe ich mich an den Pfarrer und meinen Chef gewandt. Aber ich habe mich ein bisschen geschämt und nicht alles erzählt."

Aussage ohne Frau und Schwiegermutter

"Spielen Sie?", will der Verteidiger von ihm wissen. "Nein", weist der Briefträger das entrüstet zurück. "Dann halte ich Ihnen vor, dass die Polizei extra vermerkt hat, Sie hätten in Abwesenheit von Gattin und Schwiegermutter gesagt, Sie gehen in Wettlokale." "Das stimmt nicht, das habe ich nie so gesagt." Das Opfer bleibt dabei: Insgesamt habe er gut 7.000 Euro verloren.

Die Gattin ist eher der matronenhafte Typ und erinnert sich: "Als die Mahnung wegen des Stroms gekommen ist und meine Töchter gesagt haben, der Papa wollte sich Geld von ihnen borgen, habe ich ihn darauf angesprochen. Dann hat er unter Tränen alles gestanden."

Seit 32 Jahren sei sie verheiratet, Vergleichbares sei nie passiert. Übersicht über die Finanzen habe sie nie gehabt - der Mann sei immer mit den Erlagscheinen zur Bank gegangen. Zum Beweis der Schadenssumme hat sie Kontoauszüge mitgebracht. Einkäufe seien immer am Bankomatterminal bezahlt worden, daher müssten alle Barbehebungen an den Angeklagten gegangen sein. Selbst die Anklägerin glaubt das nicht ganz: "Aber wie war das mit Taschengeld oder so etwas? Man braucht ja auch Bargeld?" "Nie viel", hört sie als Antwort.

"Sie haben einen Dummen gefunden"

Kurz darauf verkündet Zwangsleitner ihr, nicht rechtskräftiges, Urteil: 15 Monate Haft, davon fünf unbedingt. "Ich finde das mies, was Sie gemacht haben. Sie haben leider einen Dummen gefunden, der Ihnen Geld gab", grollt sie. "Sie sind vorbestraft, wirkliche Reue haben Sie aber auch heute nicht gezeigt, Sie haben einfach Angst." Verurteilt wird er allerdings nur wegen der Summe auf dem Schuldschein, dass es mehr war, könne man ihm im Zweifel nicht nachweisen.

Die Chance auf den vielversprechenden Job verbaut sie ihm dennoch nicht. Die Vorstrafe wird nicht widerrufen, mit der Strafhöhe hat er gute Chancen auf die elektronische Fußfessel. (Michael Möseneder, derStandard.at, 8.4.2014)

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