Prozess in Wien: Die Messerstiche des besorgten Bruders

7. April 2014, 15:22
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Ein 26-Jähriger soll versucht haben, im Streit seinen 19 Jahre alten Bruder mit zwei Stichen in den Rücken zu ermorden. Weder er noch sein Opfer sehen das so

Wien - "An diesem Tag habe ich zwei Fehler gemacht: dass ich aufgestanden und weggegangen bin und das", sagt Admir B. mit brüchiger Stimme dem Geschworenengericht unter Vorsitz von Eva Brandstetter. "Das" ist die Tatsache, dass der 26-Jährige Ende August fast seinen 19 Jahre alten Bruder erstochen hat. Dass es ein Mordversuch war, wie es die Staatsanwaltschaft angeklagt hat, bestreitet er aber.

Der staatsanwaltschaftliche Vorwurf zeugt tatsächlich von ziemlichem Optimismus, damit die Laienrichter überzeugen zu können. Denn um den klassischen Kain-und-Abel-Konflikt handelt es sich in diesem Fall nicht, wie bei der Einvernahme des Angeklagten rasch klar wird.

Bruder in falschen Kreisen

Eigentlich habe er sich um den kleinen Bruder gesorgt, erzählt er, wie es zu der Attacke gekommen sei. Der Teenager habe sich in den falschen Kreisen herumgetrieben, was der Angeklagte dem Vater erzählt hatte. Der stellte den jüngeren Sohn zur Rede - was diesen wiederum aufbrachte.

Am 26. August traf man sich in einem Lokal, um sich das Fußballspiel Real Madrid gegen Getafe anzusehen. "Die zweite Halbzeit war dasselbe wie unsere Diskussion: Es ist immer auf und ab gegangen", schildert der 26-Jährige die Streitereien zwischen ihm und seinem Bruder im Lokal.

Das Match wurde abgepfiffen, der Streit ging auf dem Heimweg weiter. Er sei schon sauer gewesen, weil ihn der Bruder vor den Freunden so angegangen sei, gesteht der Angeklagte ein. Auf der Straße habe ihn das spätere Opfer auch beschimpft und bedroht. "Er hat gesagt, er schlägt mir die Zähne aus. Er wollte mich vielleicht bestrafen, dass ich ihn bei den Eltern verpetzt habe."

Keine belastende Aussage

Ob er die Drohung ernst genommen habe, will Vorsitzende Brandstetter wissen. "Ja, schon irgendwie." Schließlich ist der Bruder im Gegensatz zu ihm Bodybuilder. "Ist er Ihnen gegenüber schon einmal gewalttätig geworden?" "Da möchte ich keine Aussagen dazu machen." "Hatte er schon einmal Probleme mit der Polizei?" "Ich glaube schon."

B. redet sich aber mit der Angst nicht heraus. "Ich wollte ihm zeigen, dass das eine Grenze ist. Ich bin leider meinem Zorn erlegen", sagt der Angeklagte schluchzend. Er hatte damals sein Messer aus der Tasche genommen, die sieben Zentimeter lange Klinge ausgeklappt und zugestochen. Er selbst und sein Bruder hatten geglaubt, es sei ein Stich in den Rücken, der Gerichtsmediziner sagt, es seien zwei gewesen.

Der Rettung hatten beide zunächst noch gesagt, das stark blutende und schwer verletzte Opfer sei auf etwas Spitzes gefallen. Unmittelbar darauf stellte sich B. allerdings anwesenden Polizisten.

Der Auftritt des Opfers gerät recht forsch. Er kommt in den Saal und baut sich vor der Vorsitzenden auf. "Ich habe draußen die Presse gesehen. Ich möchte klarstellen, dass ich mein Foto nicht in der Zeitung haben will. Und mein Nachname darf nur abgekürzt werden, sonst klage ich." "Es ist nicht so, dass wir die Presse in der Hand haben. Die sind oft etwas eigenwillig", klärt ihn Brandstetter milde lächelnd auf.

15 Tage Flüssignahrung

In der Sache bestätigt er die Erzählung des Bruders. Das Verpetzen, der Zorn darüber, der Streit. "Verdient habe ich ein Messer nicht. Aber meine Wortwahl war übertrieben", gesteht Armin B. die Beleidigungen und Drohungen ein. Dass er ihn bei der Polizei zunächst viel stärker belastet und 20.000 Euro Schmerzensgeld beantragt hatte, führt er nun auf seine Frustration zurück. "Ich konnte 15 Tage nur Flüssignahrung zu mir nehmen." Am Ende seiner Aussage umarmen sich die Brüder, der Angeklagte küsst dem Opfer unter Tränen die Stirn.

Der Senat benötigt nicht lange für seine Urteilsfindung. Die Geschworenen sprechen B. vom Mordvorwurf frei und erkennen einstimmig auf schwere Körperverletzung. Die rechtskräftige Strafe dafür: 14 Monate Haft, davon vier unbedingt, die der Angeklagte bereits in der Untersuchungshaft verbüßt hat. "Ich möchte mich entschuldigen, dass ich dem Staat Kosten verursacht habe", sagt B. am Ende. (Michael Möseneder, derStandard.at, 07.04.2014)

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