Koidu - die glitzernde Stadt

Blog7. April 2014, 12:26
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Der österreichische Filmemacher Michael Glawogger hat auf seiner Reise für den "Film ohne Namen" in Koidu, Sierra Leone, haltgemacht

Es war ihm, als läge ein eigener Glanz über den Häusern. Es war schon fast Nacht, doch die Gebäude strahlten, die Fenster schimmerten, und die Straßenlaternen tauchten die mehrspurigen Boulevards wie die engen Gassen in ein blaues Licht. Es changierte wie in einem Wackelbild, in dem Jesus, je nach Betrachtungswinkel, gütig vom Kreuz herab blickte oder sterbend gen Himmel sah. Das schneidende Blau tat in den Augen weh oder schwebte wie glitzernder Tau in den Lichtkegeln. "Wertvoll", dachte er, als er die Straße in Richtung des Stadions hinunterging. In einer Lichtwolke sah er Rennpferde auf einen englischen Rasen drängen. Dann rutschte er aus und fiel der Länge nach hin. Der Straßenbelag war so hart und glattgeschliffenen, wie er es noch nie erlebt hatte. Schon gar nicht auf einer Fläche wie einem Gehsteig. Er war ebenso aus Diamant gemacht wie die Lampen der Straßenlaternen, die Fensterscheiben und die Statuen in der ganzen Stadt.

Jeder besaß Diamanten

Schmuck trug hier niemand. Es waren die Gegenstände des alltäglichen Lebens, die hier aus diesem Juwel gefertigt waren: die Messer, die Schraubenzieher, die Bohrer, die Salatschüsseln, die Aschenbecher, ja selbst die glänzenden Teile an den Motorrädern und Autos waren aus reinem, hochkarätigem Diamant. Ebenso die Skulptur, die in der Mitte des Kreisverkehrs am Eingang zum Zentrum thronte und aussah wie ein überdimensionierter, aus Eis geschnitzter Schwan in der Mitte eines Hochzeitsbuffets – nur dass er eben aus Brillanten bestand. Nichts von alledem wurde gestohlen, denn jeder in Koidu besaß so viele Diamanten, dass sie für niemanden mehr einen besonderen Wert hatten.

Es soll schon welche gegeben haben, die mit ihren Edelsteinen ausgewandert waren und alles verkauft hatten. Aber wo sollten sie dann hingehen mit ihrem Geld? Nach New York, Tokyo, Singapur, Mailand oder Wien? Was wären all diese Städte gegen den Glanz von Koidu, dessen gleißende Flughafenlandebahn für anfliegende Maschinen gar nicht extra beleuchtet werden muss? Ihr Glanz strahlt bis ins Weltall. Neid wurde abgeschafft in dieser Stadt, und es gab niemanden, der hierher ziehen wollte, da es jedem nur peinlich war, unter so glücklichen und strahlenden Menschen zu wohnen, wenn man selbst vergleichsweise in Lumpen herum lief. Die Einwohner von Koidu ignorierten Zuwanderer einfach, und so verschwanden sie von selbst. Die wenigen Diebe, die versuchten, sich am öffentlichen Reichtum der Stadt zu bedienen, schnitten sich die Hände an den Flügeln des Schwans blutig und konnten nie wieder etwas ohne Schmerzen berühren. Die, die mit Waffengewalt eindringen wollten, rutschten, wie er selbst, in der ersten Straße aus und blieben geblendet liegen. Manche gaben noch im Fallen einen Schuss ab, der meist nach hinten losging. So blieben die Bewohner weitgehend verschont und lebten und leben friedlich unter sich. Kaum jemand kommt mehr, um an ihre Türen zu klopfen. Und kommt einer doch auf die Idee, dann fangen seine Probleme schon an, wenn er eine Landkarte von Sierra Leone aufschlägt.

So war es ihm wenige Tage zuvor ergangen, als er frühmorgens zum Dröhnen eines Generators in einem mädchenhaft dekorierten Zimmer des Guesthouse "Paloma" in der Kreisstadt Kenema erwacht war. Er wollte zuerst eigentlich weiter in Richtung Liberia fahren, fühlte sich aber vom Namen Koidu magisch angezogen. Obwohl Koidu nichts bedeutete, wie er erfahren hatte. Es war ein Name wie eine weiße Leinwand. Das Wort hatte keine Geschichte, und keine Erzählungen rankten sich um seine Genese. Es klang nur schön und sonst nichts.

Er lag im Bett und starrte auf die Karte. Klingende Namen wie Hangha, Ngelehun, Bomi, Togo, Lago und Lalehun lagen auf der Strecke. Der Reiseführer versprach malerische Wälder, idyllische Dörfer und ein weites Land, an dem kein Auge sich je würde sattsehen können. Solcherlei Bücher neigen manchmal zu einer leicht überhöhten Darstellung der Dinge. Aber es klang trotzdem gut. Er verglich während der Fahrt Karte und Kompass, fragte nach dem Weg, folgte den gut markierten Randsteinen und fuhr nach menschlichem Ermessen die richtige Route. Er kam dabei in keinen einzigen Ort, der auf der Landkarte verzeichnet war, und doch nickten die Menschen am Wegesrand. Auch wenn er hielt und in einem Geschäft oder einem Restaurant fragte, zeigten sie weiter in die Richtung, in die er unterwegs war. Der Wald brannte an mehreren Stellen, und dicke Säulen vielfarbigen Rauches verdunkelten die Sonne. Am Straßenrand saßen alle paar Kilometer ausgebrannte Autos wie faule, rostbraune Riesenkröten, und abgefackelte Palmen ließen traurig ihre braunen Wedel hängen. Hie und da kam er zu einer Polizeisperre, und auch die Beamten bestätigten seine Fahrtrichtung und kassierten ihren Anteil. Langsam kam er auch zu Orten, die auf seiner Landkarte zu finden waren, aber sie tauchten an völlig anderen Punkten auf als dort, wo sie eingezeichnet waren. Lalehun lag gute fünfzig Kilometer weiter südlich als auf der Karte, und so verfiel er in den irrigen Glauben, schon viel weiter zu sein, als er in Wirklichkeit war.

Kein Spielplatz

Der Polizeichef in Togo, das in Wirklichkeit Togo-Fields hieß und auch ganz woanders sein sollte, beugte sich mit ihm über seinen Plan, und sie verglichen ihn mit der großen Karte an der Wand. Und auch der Polizeichef musste zugeben, dass keiner der Orte, weder da noch dort, gleiche oder ähnliche Namen hatte. Sie lachten herzlich über die Ungenauigkeit der Kartografen, und er gab dem Mann ein Trinkgeld für seine Bemühungen. Als er unter den Blicken der aus den Gefängniszellen im Hof starrenden Männer nach draußen ging, versicherte er sich noch einmal, indem er den Faltplan im Gehen aufschlug, dass er auch in dem Land war, dessen Karte er hier bei sich hatte. Alles schien zu stimmen. Er wollte schon wegfahren, als ihm der Polizeichef nachgerannt kam. Er sagte, es sei ihm jetzt klar, dass es an der Sprache läge, wahrscheinlich an einem Dialekt, den er nicht kannte. Es müsse sich beim Ziel der Reise um Sefadu handeln, nicht um Koidu. Ob er, der Polizeichef, denn schon einmal in Koidu gewesen sei, wollte er wissen. Der Mann in Uniform wiegte den Kopf und lächelte abwesend. Nein, in Koidu sei er noch nie gewesen, aber er habe dringend vor, es sich einmal anzusehen. Das sei nicht so einfach, denn seine Arbeit würde ihm alles abverlangen, und er könne nicht so leicht weg von hier. Was denn der Name Sefadu bedeutete, wollte er noch im Wegfahren wissen. Sefadu heißt: "Das ist kein Spielplatz", rief der Polizeichef ihm lachend nach.

Der weitere Weg verlief nach dem gleichen Muster. Er fragte nach Koidu und wurde nach einigem hin und her nach Sefadu geschickt. Er gab schließlich nach, warf die Karte aus dem Fenster und fuhr nach Sefadu.

Als er dort ankam und über die Stadt schaute, war ihm, als schwebten vereinzelte blaue Lichtpunkte über den Häusern. Es war schon fast Nacht, und obwohl diese stockdunkel und ohne Strom war, schimmerten einige indische Solarlampen über den halbfertigen Hauptstraßen. Handgemalte Zeichnungen von Diamanten und selbstgebastelte Werbeschilder in Form der geschliffenen Edelsteine zierten die Häuser. Die Menschen begrüßten einander mit einem ironischen bis resignierten "Where’s di diamond" und gingen, mit Sieb und Spitzhacke bewaffnet, weiter ihrer Wege. Sie fanden kleine Brösel der Edelsteine in ihrer Erde oder in der, die die Großbetriebe ihnen überlassen hatten. Diese Betriebe verschanzten sich hinter schweren Steinmauern und beleuchteten die vierundzwanzigstündige Aktivität ihrer Bagger mit riesigen Flutlichtanlagen, die selbst die mächtigen Gesteinsbrocken wie Diamanten erstrahlen ließen. Der Rest der Stadt war wie jede andere Stadt in diesem Teil der Welt. Er sah für einen Moment das Wackelbild noch einmal changieren. Ja, je nach Betrachtungswinkel schaute Jesus gütig vom Kreuz herab oder blickte sterbend gen Himmel.

Er nahm sich vor, morgen noch einmal von Kenema aufzubrechen, um sich stur nach Koidu durchzufragen. Er würde sich nicht noch einmal nach Sefadu schicken lassen. (Michael Glawogger, derStandard.at, 7.4.2014)

  • Handgemalte Zeichnungen von Diamanten und selbstgebastelte Werbeschilder in Form der geschliffenen Edelsteine zierten die Häuser. Die Menschen begrüßten einander mit einem ironischen bis resignierten "Where's di diamond" und gingen, mit Sieb und Spitzhacke bewaffnet, weiter ihrer Wege.
    foto: michael glawogger

    Handgemalte Zeichnungen von Diamanten und selbstgebastelte Werbeschilder in Form der geschliffenen Edelsteine zierten die Häuser. Die Menschen begrüßten einander mit einem ironischen bis resignierten "Where's di diamond" und gingen, mit Sieb und Spitzhacke bewaffnet, weiter ihrer Wege.

  • Der renommierte österreichische Dokumentarist Michael Glawogger ("Megacities", "Workingman's Death" und "Whores' Glory") ist für sein nächstes Filmprojekt ohne vorgefertigtes Konzept zu einer rund einjährigen Reise aufgebrochen. derStandard.at bringt alternierend mit Süddeutsche.de Tagebücher in Form von kleineren Geschichten, die von diesem filmischen Experiment erzählen. Die Beiträge sind im Stil der Geschichten des Buches "69 Hotelzimmer" geschrieben, das 2015 in "Die Andere Bibliothek" erscheinen wird.
    foto: liz pompe

    Der renommierte österreichische Dokumentarist Michael Glawogger ("Megacities", "Workingman's Death" und "Whores' Glory") ist für sein nächstes Filmprojekt ohne vorgefertigtes Konzept zu einer rund einjährigen Reise aufgebrochen. derStandard.at bringt alternierend mit Süddeutsche.de Tagebücher in Form von kleineren Geschichten, die von diesem filmischen Experiment erzählen. Die Beiträge sind im Stil der Geschichten des Buches "69 Hotelzimmer" geschrieben, das 2015 in "Die Andere Bibliothek" erscheinen wird.

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