Grazer Forscher analysiert Gründe für späte HIV-Diagnose

7. April 2014, 11:15
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Bei jedem fünften Infizierten erfolgt die Diagnose mehr als zehn Jahre nach der Ansteckung

Im Kampf gegen das HI-Virus sind eine optimale medizinische Behandlung, die Verhinderung weiterer Übertragungen und die frühe Diagnose entscheidend. Mehr als die Hälfte der Betroffenen wird aber erst ein oder mehrere Jahre nach der Primärinfektion diagnostiziert, kritisierte Martin Hönigl von der Med-Uni Graz. An der University of California analysiert er Faktoren für ein bessere Früherkennung.

Frühzeitige Behandlung

Die Empfehlungen europäischer und US-amerikanischer HIV-Forscher gehen dahin, dass infizierte Erwachsene frühzeitig mit antiretroviralen Medikamenten behandelt werden sollten und nicht erst, wenn ihr Immunsystem bereits geschwächt ist, schilderte der Forscher der medizinischen Universität Graz.

"In Österreich wie auch in anderen mitteleuropäischen Ländern werden viele Infektionen erst viel später als möglich und nötig festgestellt", hält Hönigl fest. So würden in Österreich nur 20 Prozent aller HIV-Infizierten innerhalb weniger Monate nach der Primärinfektion diagnostiziert, "60 Prozent erst ein oder mehrere Jahre nach der Infektion."

Bei jedem fünften Infizierten erfolge die Diagnose sogar mehr als zehn Jahre nach der Ansteckung: Dann, wenn sich das HI-Virus im Körper der Betroffenen ungehindert ausgebreitet hat und lebensbedrohliche Erkrankungen aufgrund eines geschwächten Immunsystems auftreten. "Jeder zweite Patient, mit der Tendenz steigend, ist inzwischen ein 'late presenter'", sagt Hönigl.

Langfristig beschwerdefrei

Eine frühe antiretrovirale Behandlung könne jedoch einen ungünstigen Verlauf der Infektion verhindern, weil eine bessere spezifische Immunantwort gegen HIV erhalten bleibe und die Konzentration der HI-Viren im Blutplasma vermindert werde.

Damit können infizierte Patienten trotz Infektion langfristig beschwerdefrei bleiben und das Risiko der Weiterverbreitung des Erregers deutlich reduziert werden. Eine strukturierte Intensivierung der HIV-Testung von Risikogruppen könnte zu einer Verbesserung der derzeitigen Situation beitragen.

Im Rahmen eines einjährigen Stipendiums der Max-Kade-Foundation will Hönigl am "Anti Viral Research Center" der University of California San Diego unter anderem analysieren, wovon es abhängt, ob sich gefährdete Erwachsene regelmäßig HIV-Tests unterziehen, welche Risikofaktoren mit einer späteren Infektion korrelieren und welche Faktoren entscheiden, ob positiv getestete Personen die entsprechende medizinische Versorgung in Anspruch nehmen oder nicht.

Signifikante Drop-Out Rate

International gebe es nämlich auch eine "signifikante Drop-Out Rate" von HIV-infizierten Patienten im Zeitraum zwischen Diagnose, Initiierung der Therapie bis hin zur dauerhaften Supprimierung der Viruslast, so Hönigl.

In Kalifornien kann Hönigl auf Daten der "San Diego Primary Infection Cohort" zurückgreifen. Darin sind seit 1996 Erwachsene aus Risikogruppen eingeschlossen, die sich freiwillig mehrmals auf HIV-Infektionen testen lassen und zusätzlich Daten hinsichtlich vorhandener Risikofaktoren der Forschung zur Verfügung stellen.

Ein ähnliches Programm nach dem kalifornischen Modell - mit dem Fokus auf wiederholte HIV Testungen, Serokonversion, primäre HIV Infektion sowie frühzeitige Anbindung an die medizinische Versorgung - will Hönigl im Anschluss auch in Graz etablieren. (APA/red, 7.4.2014)

  • In Österreich werden nur 20 Prozent aller HIV-Infizierten innerhalb weniger Monate nach der Primärinfektion diagnostiziert, 60 Prozent erst ein oder mehrere Jahre nach der Infektion.
    foto: apa/barbara gindl

    In Österreich werden nur 20 Prozent aller HIV-Infizierten innerhalb weniger Monate nach der Primärinfektion diagnostiziert, 60 Prozent erst ein oder mehrere Jahre nach der Infektion.

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