Fotokunst: Das Geheimnis von Elgin Park

Ansichtssache8. April 2014, 11:19
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Michael Paul Smith hat mit erstaunlichen Fotos eine amerikanische Kleinstadt porträtiert. Im Fokus: Traumwagen aus den Heydays der US-Autoindustrie - und ein paar kleine, feine Tricks

foto: michael paul smith

Elgin Park ist ein kleines, sehr amerikanisches Städtchen. Ein Ort, dem der Fotograf Michael Paul Smith mit seinen Aufnahmen ein Denkmal gesetzt hat. Es sind beiläufige, unprätentiöse Szenen, die er im Laufe der Jahre eingefangen hat. Dokumentiert hat Smith die Zeit von den 1930er- bis Mitte der 1960er-Jahre, eine Epoche, die quasi synonym für den amerikanischen Traum steht. Der spiegelt sich nicht zuletzt in dem Fuhrpark wider, der das Straßenbild prägt.

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foto: michael paul smith

Vor allem die voluminösen Kaleschen sind es, die das Leben und den Wandel in der US-amerikanischen Provinz nacherzählen. Eine ganz spezielle Spielart der "Street Photography" also.

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foto: michael paul smith

Die Einwohner von Elgin Park scheinen Michael Paul Smith hingegen kein Anliegen gewesen zu sein. Schon eher dieser zuckerlrosa Lincoln, der der Main Street so etwas wie Noblesse verleiht.

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Gleiche Szenerie, andere Situation: Ein schwarzes 1948er-Buick-Cabriolet schmückt samt Kollegen dieses Kleinstadtidyll der 1950er-Jahre.

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foto: michael paul smith

Impression aus der unmittelbaren Nachkriegszeit: Hier hat Smith eine Tankstelle gemeinsam mit einem 1939er-Ford-Coupé verewigt.

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Viel Bling und barocke Formen dominieren hingegen das Areal dieses Gebrauchtwagenhändlers, der Ende der 1950er um Kunden buhlt.

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foto: michael paul smith

Doch Michael Paul Smith hat sich nicht nur selbst auf den Straßen seiner Heimatstadt herumgetrieben. Er gründete auch die "Elgin Park Historical Society", um die Aufnahmen anderer Hobbyfotografen einzusammeln. Dieses Bild aus einer der besseren Gegenden der Stadt stammt vom Immobilienmakler Nigel Dax. "Aufgenommen im Winter 1958" steht in der Dokumentation. Vor der Villa: der 58er-DeSoto von Mr. Dax.

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foto: michael paul smith

Für diese Aufnahme vermerken Smiths Notizen hingegen bloß ein schlichtes, aber zutreffendes "Autoparade an einem Sonntag".

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foto: michael paul smith

Ein sehr geschmackvolles 1955er-Ford-Convertible parkt neben einer Lokomotive, einer ALCO RS3. Die zwischen 1950 und 1956 gefertigten dieselelektrischen Loks wurden immerhin 1.400-mal gebaut. Hier komplettiert eine von ihnen ein chromlastiges Bahnhofsidyll.

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foto: michael paul smith

Ganz und gar nicht idyllisch, vielmehr verstörend ist diese Aufnahme aus den 1950ern: Sie zeigt ein abgestürztes Ufo, das fünf Meilen von Elgin Park entfernt aufschlug. Das Ereignis wurde vertuscht, über das Schicksal der Besatzungsmitglieder ist nichts bekannt. Doch das Städtchen kann nicht nur mit Außerirdischen aufwarten ...

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foto: michael paul smith

... sondern auch mit einer riesigen Hand, die sich einen Tucker Torpedo schnappte. Aufmerksame Leser und Leserinnen werden nicht nur an dem Greifer, sondern auch an den anderen zwei Tucker Torpedos auf dem Bild erkennen, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Schließlich wurden von der innovativen, aber kläglich gescheiterten US-Limousine bloß 52 Stück gebaut. Dass drei davon ausgerechnet in Elgin Park herumstehen, ist ergo noch unwahrscheinlicher als eine monumentale Hand Gottes.

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foto: michael paul smith

Der dazu passende Mann sieht übrigens so aus und hört tatsächlich auf den Namen Michael Paul Smith. Alle andere Motive hingegen, die auf seinen Fotos zu sehen sind, sind eine Welt en miniature, die der Amerikaner mithilfe von Modellautos, selbstgebastelten Szenerien und fotografischem Geschick in sein persönliches "Elgin Park" verwandelt. Vor sechs Jahren hat der 64-Jährige, ein ehemaliger Werbegestalter, Illustrator und Artdirector, die Fantasie-Kleinstadt im Internet gegründet. Seitdem sammelt sein Flickr-Account an guten Tagen bis zu 800.000 Klicks ein.

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foto: michael paul smith

Begonnen hat für den Mann aus Winchester, US-Bundesstaat Massachusetts, alles mit einer Modellauto-Sammlung und einer einjährigen Arbeitslosigkeit. 300 Druckguss-Miniaturen des Herstellers Danbury Mint standen damals bei Smith in der Vitrine, der, so erinnerte er sich in einem Artikel in der "New York Times", einfach auf der Suche nach "something fun to do" war. Also baute er im Maßstab 1:24 Elgin Park, den Ort seiner Träume, auf. Eine Reverenz an eine kleine, verschlafene Stahlstadt, in der er seine Kindheit und Jugend verbracht hat.

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foto: michael paul smith

Hilfreich bei der Erschaffung der perfekten Illusion sind ein Tapezierertisch, mit dem er seine Kulissen in eine echte Landschaft einbettet, jahrelange Erfahrung im Bau von Gebäudemodellen, reichlich Kreativität beim Entwerfen der Szenerien und enorme Detailversessenheit. Das geht sogar bis zum "richtigen Dialog, den die Autos miteinander führen sollen", so der Fotograf.

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Die Textur des Asphalts, die dezenten Verwitterungsspuren an den Karosserien, das Licht- und Schattenspiel, das Spiel mit der Perspektive, die pittoresken, vor allem aber realen Gebäude, die Smith in oder in der Nähe von Winchester findet - alles muss bei dem Fotokünstler perfekt harmonieren. Eine Stunde dauert ein Shooting in aller Regel. Das Ergebnis: zwei bis drei im Smith'schen Sinne perfekte Aufnahmen. Höchstens.

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Der Foto-Illusionist legt übrigens Wert auf die Feststellung, Photoshop und andere Bildbearbeitungsprogramme ausschließlich dafür zu verwenden, den Aufnahmen einen antiken Look zu verpassen. Retouchen oder das Einziehen von Hintergrundtapeten ist Smiths Sache hingegen nicht. Sein Equipment beschämt so manchen hochgerüsteten Amateur: Der Mann arbeitet mit einer einfachen Pocket-Digitalkamera mit Weitwinkelfunktion.

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foto: michael paul smith

Liebevoll arrangierte, akribisch festgehaltene Momentaufnahmen sind diese Szenerien des Michael Paul Smith. Dass auf diesen fotografierten Short Storys nie Menschen zu sehen sind, gibt ihnen etwas Verwunschenes, Mysteriöses. Ein psychologischer Trick, mit dem der Amerikaner bewusst arbeitet. "Ich möchte den Betrachter einladen, selbst Teil der Szenen zu sein. Ich erschaffe bloß eine Stimmung oder rufe Erinnerungen hervor." Die Kurzgeschichten, die er zu vielen seiner Bilder erfindet - wie etwa jene vom Ufo-Absturz oder die von Immobilienhändler Mr. Dax -, sind dann auch bloß als kleiner Kick für die Fantasie zu verstehen.

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Die Automobile hingegen sind für den Fotografen vor allem Staffage, um seine Traumlandschaften mit Realität aufzuladen. In dieser kommt Smith übrigens ohne eigenes Auto aus. Wenn der Pensionist für seine Fotosessions samt Tapezierertisch durch Winchester und Umgebung tourt, leiht er sich von Freunden einen Wagen aus. (Stefan Schlögl, derStandard.at, 8.4.2014)

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