Schleppende Übertreibungen

7. April 2014, 07:04
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RSO-Debüt von Marin Alsop im Wiener Konzerthaus

Wien - Nicht jedes Debüt ist eine nachhaltige Entdeckung. Die Ankündigung klang großartig, dass Dirigentin Marin Alsop das ORF Radio-Symphonieorchester Wien leiten würde. Die Chefin des Baltimore Symphony Orchestra leistet an der Ostküste ganz offenbar wichtige Aufbauarbeit, indem sie für Programme für Schüler, aber auch für erwachsene Amateurmusiker bietet.

Und in Kalifornien setzte sie sich erfolgreich für zeitgenössische Musik ein. Ein Foto im Programmheft zeigt die heute 57-Jährige mit ihrem Lehrer und Mentor Leonard Bernstein, sodass es durchaus sinnvoll schien, dessen 1. Symphonie (Jeremiah) und die Erste von Gustav Mahler miteinander zu kombinieren.

Die Realisierung dessen, was sich vielversprechend las, blieb aber im Großen Konzerthaussaal weit hinter den Erwartungen zurück. Leonard Bernsteins während des Zweiten Weltkriegs entstandenes Stück ist kein Meisterwerk, dieses Amalgam aus Europäischem, Amerikanischem um Hebräischem lebt vor allem von einer scharfen Zeichnung der lebhaften Teile und einer Gratwanderung zwischen Distanz und Emphase bei den vorherrschenden pathetischen Passagen.

Beides fehlte am Freitag weitgehend - trotz exzellenter Vorbereitung des Orchesters und einer emphatischen Solistin im dritten Satz (Mezzosopranistin Elisabeth DeShong). Marin Alsops Mahler-Interpretation wirkte dann wie ein einziges Miss- bzw. Unverständnis. Es war, als ob sie das "Langsam - schleppend" des Beginns zum Motto für das ganze Werk genommen hätte. Kein schlüssiges Tempo kam zustande, keine Steigerung, die nicht bemüht geklungen hätte.

"Wienerische" Verzögerung

Und obwohl es schien, als ob sie einige der idiosynkratischen Übertreibungen von Bernsteins Mahler-Dirigaten kopiert hätte, wirkten sie hier aufgesetzt - etwa die "wienerischen" Zeitverzögerungen im dritten Satz.

Entsprechend wenig überzeugt und überzeugend agierte hier das Orchester - von den viel zu starken (und teils unsicheren) "Naturlauten" des ersten Satzes bis zur Katastrophe und Apotheose des Finales. Die meisten Töne waren zwar auch hier am richtigen Platz, das "Stürmische" und "Drängende" musste man sich aber wie so vieles andere dazudenken. (Daniel Ender, DER STANDARD, 7.4.2014)

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