Schiffbrüchig und ausgeliefert sein

6. April 2014, 17:58
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Das Volkstheater zeigt eine Koproduktion mit dem KunstSozialRaum Brunnenpassage. In einer eigenen Fassung von Shakespeares "Der Sturm" agieren 30 Laienspieler in einem professionellen Rahmen - viel Applaus

Wien - "Das Volkstheater steht für Vielfalt", so hat es Direktor Michael Schottenberg bei einer Pressekonferenz im Vorjahr deklariert. Und er meinte damit, dass das 970-Plätze-Haus am Weghuberpark einer multikulturellen Gesellschaft gezielt Rechnung tragen will. Diese Stoßrichtung hat das Volkstheater schon eingeschlagen, bevor das Bekenntnis unter dem Schlagwort "postmigrantisches Theater" ins Portfolio der Kulturpolitik wanderte.

Mit der Reihe "Die besten aus dem Osten" etwa stellt das Theater an seiner Dependance im Hundsturm seit 2008 regelmäßig junge Dramatik aus den östlichen Nachbarländern vor. Auch die Koproduktionen mit der Gruppe "wenn es so weit ist" bemühten sich jenseits des üblichen Spielplans um die Darstellung und Sichtbarmachung konkreter postmigrantischer Themen; etwa in Die Reise, bei der Menschen unterschiedlicher Herkunft ihre Zuwanderergeschichten erzählten.

Ausnahmezustand Mensch sein

Dem neuen Projekt, Ausnahmezustand Mensch sein, geht es nicht um eine Identifikation der Akteure mit ihrer eigenen "postmigrantischen Biografie", sondern um Kunstproduktion. Die 30 Laientheaterspieler aus Shakespeares Inselmärchen Der Sturm (Fassung: Clemens Mädge) wollen agieren, eine Stimme haben, sich dem Publikum zeigen. In einer fast einjährigen Probenarbeit im Kunst- und Sozialraum Brunnenpassage haben sie daran mit Regisseur Daniel Wahl und unter dem Zuspruch Karl Markovics' gefeilt.

Ausnahmezustand Mensch sein ist vorwiegend ein Sozialprojekt, das bei der Uraufführung am Freitag im Volkstheater zwar unter großer Beifallsbekundung seinen Bogen zog, künstlerisch aber einige Fragen offen ließ.

Schwer zu folgen

Vor allem: Warum wählt man ein enigmatisches Stück wie Der Sturm, das bereits in banalen Vom-Blatt-Inszenierungen kaum nachzuvollziehen ist? Inhaltlich folgen konnte man dem Abend nicht. Auch wenn Clemens Mädge den Plot auf die beiden Figuren Prospero und Caliban reduzierte: Sie leben in einem Herr-Knecht-Verhältnis auf einer Insel und betrachten sich beide als Opfer ihrer jeweiligen Geschichte. Später stoßen die schiffbrüchigen und feindlichen Anverwandten hinzu, um einen alten Konflikt zu lösen.

Die Schauspieler holen sich im seichten Becken (Bühne: Viva Schudt) immer wieder nasse Füße, sie ertragen im benetzten Ölzeug ihr Dasein, die Mannschaft zerteilt sich bisweilen in kleine Chöre und in Gruppenchoreografien, während hinten die Brunnhilde-DJs den (leider zu leisen) Sound liefern.

Regisseur Daniel Wahl hat mit seinem Laienensemble insbesondere sprachlich gut gearbeitet. Die wenigen Soloauftritte haben Hand und Fuß. Aber eine gute Sturm-Inszenierung ist es nicht. Zu verworren ist die Erzählhaltung, zu unsichtbar das Spiel. Es war hier vor allem eines geplant: der Brunnenpassage (Leitung: Anne Wiederhold) und ihrer wertvollen Kulturarbeit Respekt zu zollen und dafür ein größeres Publikum zu erschließen. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 7.4.2014)

Wieder am 16./17. Mai

  • Ein 30-köpfiges Laientheaterensemble aus gebürtigen und zugewanderten Österreichern zeigt eine eigene Fassung von Shakespeares Drama "Der Sturm" am Volkstheater
    foto: apa / hans klaus techt

    Ein 30-köpfiges Laientheaterensemble aus gebürtigen und zugewanderten Österreichern zeigt eine eigene Fassung von Shakespeares Drama "Der Sturm" am Volkstheater

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