Musiker 2.0: Mit Klicks zum Erfolg

7. April 2014, 12:15
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Der derzeit angesagteste Rapper auf heimischen Pausenhöfen ist ein Wiener: Left Boy

Wien - "Geh heim!", tönt es aus den Rängen, wo vor allem 14- bis 16-jährige Mädchen ungeduldig auf ihr Idol warten. Die hübsche Sängerin AEIE singt gerade melancholisch-verträumte Balladen zu ruhigen Beats, doch es ist nicht das, wonach das Publikum verlangt. Als nächster Act sorgt der Wiener Mirakle mit seinem aus dem Leben gegriffenen Raps schon für mehr Stimmung - doch erst als Left Boy die Bühne betritt, zuckt das Publikum komplett aus.

Bereits die erste Nummer sitzt perfekt, und auch das heimische Publikum zeigt sich textsicher: "Healthy Ego" nennt sich das Eröffnungslied, und eine gesunde Portion Selbstbewusstsein kann man dem 25-jährigen Ferdinand Sarnitz wohl kaum absprechen.

Kreierte Hype um seine Musik

Kein Wunder, zählt er doch derzeit zu den angesagtesten Rappern auf heimischen Schulhöfen. Mit 18 zog der gebürtige Wiener für ein Tontechnikstudium nach New York, wo er auch heute noch lebt. Bereits als Jugendlicher organisierte er Beatbox-Weltmeisterschaften, später kreierte er einen regelrechten Hype um seine Musik - und das ganz ohne Plattenvertrag, dafür aber mit einem Youtube-Channel und massig Klicks. Ein echter Rapper 2.0 sozusagen.

Eben auch einer, der auf Facebook, Twitter und Instagram den digitalen Draht zu seinen Fans sucht. "Sixteen years / Daddy's credit card / trying to look hot", rappt Left Boy aus seinem Klassiker "VIE Girl" und beschreibt damit ziemlich treffsicher seinen typischen Fan: weiblich, noch im Schulalter und aus gutem Hause.

Und tatsächlich: Ein Publikumsschwenk durch die unglaublich heißen Hallen des Gasometers zeigt gut parfümierte Mädels in Hollister-Shirts, alle dicht aneinandergedrängt. Als Left Boy fragt, "Are you hot?", folgt die Antwort prompt: ohrenbetäubendes Kreischen.

Hommage an eigene Wurzeln

Rührend wird der Abend, als sich Left Boy bei seinen Eltern bedankt. Sein Vater ist der Künstler André Heller, der den Altersschnitt zwar kräftig anhebt, aber nichtsdestotrotz in seiner Publikumsloge völlig ausgelassen zur Musik seines Sohnes abgeht.

Erst als sich die letzte Zugabe abzeichnet, verstummt das Publikum - bis es mit einer Hommage an die Wurzeln des Rappers versöhnt wird: "I am from Austria".

Wahrscheinlich trifft Left Boy gerade deshalb so zielsicher den Nerv der Jugend: Man hat das Gefühl, er ist einer von uns, aber auch gleichzeitig jemand, der es in Amerika schaffen kann. Dass Left Boy während des Konzerts nur Englisch spricht, kommt dabei nicht gewollt rüber, schließlich besuchte er in Wien die amerikanische Schule.

Auf dem Weg zur Garderobe sagt schließlich ein verdutztes Mädchen im Studentenalter zu ihrer Freundin: "Ich hab mich noch nie so alt gefühlt wie heute."

Und am nächsten Morgen kommen in ganz Wien tausende Mädchen mit heiserer Stimme zur Schule. (Anna Strümpel (17), DER STANDARD, 7.4.2014)

  • Von Wien nach Brooklyn und zurück: Left Boy performte am Montag im Gasometer.
    foto: anna strümpel

    Von Wien nach Brooklyn und zurück: Left Boy performte am Montag im Gasometer.

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