"Reagan war der Anfang vom Ende"

6. April 2014, 17:19
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US-Videofilmer Charles Atlas lässt den Namen Martha im Museumsquartier tanzen. Er erzählt über die Umbruchszeit der 1980er in New York

STANDARD: Sie haben jetzt für die Tonspur-Passage im Museumsquartier eine Klanginstallation mit dem Titel "Dance On The Radio" geschaffen. Machen Sie öfters reine Musikarbeiten?

Atlas: Nein, bisher war es immer Video. Es ist das erste Mal überhaupt, dass ich eine Audio-Installation produziere. Die Musik und der Sound dafür gehen mit Tanz einher. Von Hollywood-Musicals bis zu Burlesque, Ballett und zeitgenössischem Tanz. Ich war in den 1990ern Teil der New Yorker Downtown-Clubszene, in der auch ein Martha-Graham-Imitator einen monatlichen Club namens Martha@Mother veranstaltete. Dort habe ich vor den Shows immer ein halbstündiges Videoprogramm gestaltet. Unter den Clips dafür sind einige von Graham und aus vielen Filmen, in denen der Name Martha vorkommt. Das habe ich in Dance On The Radio reingemixt.

STANDARD: Sie erwähnen die Clubszene in New York. Da hat sich doch viel verändert während Ihrer Zusammenarbeit mit dem bahnbrechenden Choreografen Merce Cunningham ab 1974?

Atlas: Vor allem habe ich mich verändert. Als ich begonnen habe, war ich 21 Jahre jung! In den 1970ern hätte ich nie gedacht, dass es in 40 Jahren so sein würde, wie es heute ist. Ich glaubte, alles würde sich nach vorn bewegen: mehr Freiheit, mehr Toleranz, mehr Vernunft. Und jetzt sind wir - im Gegenteil gelandet. Die erste Periode meiner Zusammenarbeit mit Cunningham war rein experimentell und ohne kommerzielle Gedanken. Damals hat auch das Fernsehen die Kunst unterstützt. Das passiert heute nicht mehr. Ab 1983 war fast alles, was ich gemacht habe, für das Fernsehen, vor allem für das europäische. Mit dem Ausbruch von Aids wurde mein Werk dunkler. Ich drehte ein Video mit dem Titel Son of Sam and Delilah, in dem Blut und Drag Queens zu sehen waren. Es handelte von Aids und sollte in ganz Amerika ausgestrahlt werden. Aber es wurde im letzten Augenblick abgesetzt. Es sei missverständlich, sagte man. Bei Channel 4 zum Beispiel konnte man am Anfang, also um 1985 herum, wirklich alles zeigen. Aber schon drei Jahre später hieß es, nein, das und das ist nicht möglich.

STANDARD: Der Wandel passierte also in den Achtzigerjahren, während Ronald Reagans Präsidentschaft?

Atlas: Ja, wenn man zurückblickt, war Reagan der Anfang vom Ende. Er begann damit, alle Förderungen zu kürzen. Jetzt entsteht diese Geschichtsklitterung, die ihn als verehrte Figur hinstellt. Ich habe immer geglaubt, dass er böse war.

STANDARD: Wie war Ihr Leben damals in New York?

Atlas: Hm, die Siebziger waren für mich ein ziemlicher Drogennebel. Das hat sich dann in den Achtzigern verändert. Vieles hing mit meinem Lebensstil und mit meinem Alter zusammen und damit, wie Schwule in New York waren. Ich habe diesen Lebensstil länger beibehalten als die meisten anderen. Erst als Leigh Bowery starb, bin ich nicht mehr so viel ausgegangen. Alles, was sehr expansiv, offen und sorglos gewesen war, veränderte sich. In meiner Umgebung ereignete sich eine Verwüstung. Es ist ein Wunder, dass ich HIV-negativ bin, aber mein Partner ist seit mehr als dreißig Jahren HIV-positiv.

STANDARD: Warum brachte Leigh Bowerys Tod einen Umbruch für Sie?

Atlas: Weil er mein bester Freund war. All die Zeit, in der er krank war, wusste das niemand, nur eine Person. Ein weiterer Marker im New Yorker Clubleben war übrigens, dass die Clubs immer weiter abgedrängt wurden. Ganz Manhattan geriet aus dem Gleichgewicht wegen der hohen Mieten. Also zogen alle nach Brooklyn. Die Kommerzialisierung greift überall um sich. Dafür mache ich Clinton verantwortlich. Er hat die Globalisierung von Firmen, die sich auf der Welt ausbreiteten, betrieben.

STANDARD: Gibt es da eine Verbindung zu Ihrer großen New Yorker Ausstellung vor zwei Jahren mit dem Titel "The Illusion of Democracy"?

Atlas: Ich hatte zuvor für die Londoner Tate Gallery eine Zwei-Raum-Installation mit dem Titel Tornado Warning geschaffen. In einem Teil habe ich versucht, mir möglichst nichtmenschliche Dinge vorzustellen. Dass es, auch wenn keine Menschen existieren, immer eine Anzahl von etwas gibt - also Mathematik und das Universum. So produzierte ich eine Arbeit mit geraden Linien und Ziffern. Der zweite Teil war ein benebelndes Mehrkanal-Video über Spiralen: die Idee von einem Tornado. In New York habe ich dann diese Installation mit einer anderen Arbeit, Painting by Numbers, verbunden und The Illusion of Democracy genannt. Das war interessant für mich, weil wir in Amerika zwar die Illusion einer Demokratie, aber nicht eigentlich eine Demokratie haben. Ich glaube nicht, dass der Titel unbedingt das Kunstwerk beschreiben muss, und wollte sehen, ob die Leute das zusammenbringen können: abstrakte Arbeiten, die nicht politisch sind, mit diesem Titel. (DER STANDARD, 7.4.2014)

Charles Atlas, geboren 1949 in St. Louis, Missouri, wurde als Videokünstler, Regisseur und Bühnen- bzw. Kostümdesigner durch seine Fernseharbeiten, Live-Video-Performances und Kollaborationen mit den berühmten Choreografen Merce Cunningham und Michael Clark bekannt.

Museumsquartier, quartier21, bis 3.6., täglich 10-20 Uhr

  • Charles Atlas zeigt erstmals eine Audio-Installation - im Museumsquartier Wien, quartier 21.
    foto: ellersdorfer-meissnerova

    Charles Atlas zeigt erstmals eine Audio-Installation - im Museumsquartier Wien, quartier 21.

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