London: Dicke Luft als EU-Wahlkampfthema

4. April 2014, 18:32
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Britische Politiker machen Wetter und Europa für Luftverschmutzung verantwortlich

Die tagelange Luftverschmutzung in England wird zum Politikum - und einmal mehr rückt dabei auch die Europäische Union ins Zentrum. Die Brüsseler EU-Kommission warf Premier David Cameron am Freitag vor, er habe die Luftverschmutzung "eindeutig missverstanden": Auch nach dem Abzug des Sahara-Sandes, den die Regierung für die aktuellen Probleme verantwortlich macht, werde die Atemluft in London nicht den EU-Richtlinien entsprechen.

Weite Teile Englands lagen seit Montag unter der Dunstglocke, von der Financial Times als "Cocktail aus hausgemachter und importierter Verschmutzung", vermischt mit Staub aus der Sahara beschrieben. In London verzeichnete die Rettung 14 Prozent mehr Notrufe von Menschen mit Atemproblemen als üblich. Das Gesundheitsministerium riet Alten und Kleinkindern von anstrengender Tätigkeit im Freien ab. "Ich habe auf mein morgendliches Jogging verzichtet", teilte Cameron den Zuschauern der BBC mit.

Immerhin nutzte der Regierungschef selbst die Inversionswetterlage nicht zu einer Spitze gegen Europa. Ganz anders sein Umweltminister Owen Paterson: Die Luftverschmutzung sei nicht nur dem Sahara-Sand geschuldet, sondern auch "verschmutzter Luft vom Kontinent", sagte der Abgeordnete eines ländlichen Wahlkreises im englischen Osten, der am Kabinettstisch zu den eingeschworenen EU-Feinden zählt.

Sein Verhältnis zu Brüssel dürfte nicht besser geworden sein, seit Umwelt-Kommissar Janez Potocnik im Februar ein Verfahren gegen das Vereinigte Königreich einleitete, in dem es um die Reduzierung von Stickoxiden geht. Die Regierung habe "die mit uns vereinbarten Ziele nicht erreicht", heißt es in einem dazugehörigen Bericht des EU-Kommissars.

Anti-EU-Erfolg für Farage

Trotz des Smogs vor der Studiotür spielten umweltpolitische Themen auch in der zweiten TV-Debatte, in der sich Vizepremier Nick Clegg mit dem Chef der EU-feindlichen UK Independence Party (Ukip), Nigel Farage, duellierte, keine Rolle. Während der Liberale sein Gegenüber als "Phantasten" denunzierte, gerierte sich Farage als Anwalt der kleinen Leute: "Wir wollen unser Land zurückhaben."

Bei den Zuschauern hinterließ der Populist den besseren Eindruck: In Umfragen kürten 69 Prozent Farage zum Sieger. Seine Warnungen vor allzu rascher Einwanderung sowie vor der angeblich unmittelbar bevorstehenden Einführung einer "EU-Luftwaffe" dürften weniger rasch verschwinden als der Sahara-Staub - Letzteren sollten übers Wochenende frische Atlantikwinde wegblasen. (Sebastian Borger aus London, DER STANDARD, 5.4.2014)

  • Wenig zu lachen hatte Nick Clegg (re.) im TV-Duell mit EU-Gegner Nigel Farage.
    foto: apa/epa/overs

    Wenig zu lachen hatte Nick Clegg (re.) im TV-Duell mit EU-Gegner Nigel Farage.

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