Jugendstrafvollzug: "Wegsperren ist nicht die Lösung"

Interview6. April 2014, 09:00
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Der Schweizer Psychoanalytiker Walter Toscan sieht dringenden Reformbedarf bei Österreichs Jugendstrafvollzug: Es brauche offene Einrichtungen und ein einheitliches Konzept

STANDARD: Die Taskforce Jugendhaft wurde eingesetzt, nachdem ein 14-Jähriger in U-Haft mit Besenstil vergewaltigt wurde. Was muss sich beim Jugendstrafvollzug in Österreich ändern, damit so etwas nicht mehr passiert?

Toscan: Einschließen und wegsperren ist nicht die Lösung. Ich habe in Österreich über Jahre gesehen, dass auf Mauern oder Sicherheit sehr viel Wert gelegt wird. Punktuell werden Spezialisten hinzugezogen, aber es gibt kein einheitliches Konzept, wie man Jugendliche behandeln soll. Man braucht nur wenige geschlossene Plätze, die aber dann adäquat an Jugendliche angepasst werden. Nicht im Erwachsenengefängnis eine Abteilung, sondern wirklich auf Jugendliche spezifisch zugeschnittene Einrichtungen. Den Rest kann man offen betreut unterbringen.

STANDARD: Bei welchen Delikten ist es möglich, Jugendliche in betreuten WGs unterzubringen? Auch bei Kapitalverbrechen?

Toscan: Ich bin ein Verfechter, dass man nicht von der Tat ausgeht, sondern vom Täter. Es kann ein jugendlicher Straftäter immer wieder delinquieren, und seine Persönlichkeit ist dermaßen schwierig, dass daraus Kapitalverbrechen entstehen. Wenn man den früh genug in Wohngemeinschaften behandelt, dann kann man den Großteil umgehen. Ich habe auch Jugendliche mit Tötungsdelikten oder Sexualstraftäter im offenen Vollzug.

Wenn jemand besoffen ist oder unter Drogen steht und irgendein Tötungsdelikt passiert, heißt das noch lange nicht, dass das sehr gefährlich ist. Wenn aber jemand bewusst und vorbereitet tötet, für den braucht man die geschlossene Einrichtung. Die muss aber völlig anders geführt werden als derzeit in Österreich.

STANDARD: Ist beim offenen Vollzug die Rückfallquote geringer?

Toscan: Ich spreche ungern über die Rückfallquote. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Ich hatte einen Jugendlichen, der hat riesige Kapitalverbrechen begangen und wurde offen untergebracht. Nach der Entlassung ist er zu schnell auf der Autobahn gefahren. Das gibt eine bedingte Strafe. Für mich ist das nicht rückfällig. Rückfällig sind Serienstraftäter oder - wenn jemand wiederholt Gewaltdelikte verübt. Das hab ich in 40 Jahren nur bei einem erlebt.

STANDARD: Und in der geschlossenen Haft?

Toscan: Gerasdorf macht eine Statistik. Da sind es rund 90 Prozent, die rückfällig werden. Es gibt ja eine Hospitalisierung für die Haft. Man kommt wieder zurück. Es gibt bestimmte Jugendliche, die die Psychiatrie nicht will und der Strafvollzug auch nicht - für die habe ich selbstständig die Einrichtung geschaffen. Die landen sonst hundertprozentig im Knast, ihr Leben lang. Aber wenn die behandelt werden, werden sie auch nicht rückfällig.

STANDARD: Die Taskforce hat ihren Abschlussbericht schon im Oktober verfasst. Im November wurde er dem Justizministerium übergeben. Bisher hat sich nichts getan.

Toscan: Wird es auch nicht.

STANDARD: Ist Österreich reformfaul?

Toscan: Ich glaube nicht, dass Österreich reformfaul ist. Aber die Sensibilisierung, dass Jugendliche anders zu behandeln sind als erwachsene Straftäter, das ist nicht passiert.

STANDARD: Haben Sie die Hoffnung, dass sich in Österreich was ändert?

Toscan: Ich habe die Hoffnung eigentlich aufgegeben. Eigentlich müsste man alle Geschlossenen zuerst schließen und dann überlegen, was es braucht. Solange 120 Plätze in Gerasdorf vorhanden sind, so lange werden sie gebraucht. (Stefanie Ruep, DER STANDARD, 5.4.2014)


Walter Toscan (63) saß im Vorjahr in der Taskforce Jugendhaft des österreichischen Justizministeriums. Der Psychoanalytiker und Sozialpädagoge ist seit den 1970er-Jahren im Jugendstrafvollzug tätig und leitet seit 1998 eine offene Einrichtung im Kanton Aargau. Anlässlich einer Expertentagung von SOS-Kinderdorf sprach Toscan in Salzburg.

  • Trotz des Einsatzes einer Taskforce hat sich im österreichischen Jugendstrafvollzug nichts getan.
    foto: dpa/peter endig

    Trotz des Einsatzes einer Taskforce hat sich im österreichischen Jugendstrafvollzug nichts getan.

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