Als schwerer Fels in Bosnien gestrandet

4. April 2014, 17:08
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Insgesamt breit und bieder erzählt Herbert Föttinger die Geschichte der "Schüsse von Sarajevo" von Milan Dor und Stephan Lack im Wiener Josefstadt-Theater. Erwin Steinhauer vermag als Richter zu berühren

Wien - Jemand musste den Untersuchungsrichter vergessen haben. Die Grillen zirpen ohrenbetäubend. Leo Pfeffer (Erwin Steinhauer) steht bewegungslos im Soldatenmantel auf der abgedunkelten Bühne. Das Wiener Josefstadt-Theater gleicht nach Hochziehen des Vorhangs einer Aufbahrungshalle. Ein ganzes Zeitalter ist soeben auf die Schnelle beerdigt worden.

Krachend geht die Tür auf, ein Kommando Soldaten verschafft sich Zutritt zum Fabrikgebäude (Bühne: Walter Vogelweider). Das Bild ist von schlagender Drastik. Die Schüsse von Sarajevo gehen auch uns Nachgeborene etwas an. Achtzig Jahre nach der Ermordung Franz Ferdinands töteten die Menschen auf dem Balkan einander schon wieder. Herbert Föttingers Uraufführungsinszenierung - fettfrei, fantasiearm, mürbe wie schwedisches Knäckebrot - gilt einem Romanstoff von Milo Dor. Dieser verarbeitete den Krimi gemeinsam mit Sohn Milan zu einem Drehbuch, aus dem man wiederum ein Stück gewonnen hat (Mitarbeit: Stephan Lack).

Franz Ferdinand stirbt durch die Schüsse eines blassen Nationalisten namens Gavrilo Princip. Leo Pfeffer, der liberal erzogene Richter, soll die Wahrheit aus den Attentätern - insgesamt drei - herausquetschen. Es stehen politische Interessen auf dem Spiel: In Wien möchte man die serbische Regierung als Auftraggeberin der Bluttat enttarnen. Für Pfeffer steht die Beziehung zu seiner Geliebten Marija (Julia Stemberger) auf dem Spiel. Deren Sohn wird als Parteigänger der Panslawisten verknackt. Mama Marija entfaltet den herben Charme einer bürgerlichen Glucke. Ihre Garderobe (Kostüme: Birgit Hutter) wechselt sehr eindrucksvoll zwischen Tischtuchweiß und Tintenschwarz.

Es herrscht finsterste Nacht in Bosnien-Herzegowina. Man weiß nur nicht recht, warum die Aufführung in einer aufgelassenen Fabrikhalle spielen muss. Verhörlampen segeln bei Bedarf aus dem Schnürboden herunter. K. u. k. Kadetten marschieren stramm durchs Bild. Die Kette in den Speichen eines Krans erweckt die unschöne Vorstellung einer möglichen Exekution durch Hängen.

Man möchte nicht in Pfeffers Haut stecken. Der keineswegs mehr junge Jurist, aus Kroatien gebürtig, gehört zu den bürgerlichen Parteigängern der Monarchie. Der Kaiser ermöglichte ihm, dem Sohn eines Sattlermeisters, das Studium. Doch die neue Zeit legt auf Rechtschaffenheit keinen Wert. Pfeffers Gegenspieler sind die Hyänen des eigenen Lagers: der cholerische Polizeichef (Toni Slama), der scheeläugige Herr Gerichtspräsident (Heribert Sasse). Pfeffer soll Täter "produzieren". Er muss seine Freundin bei Laune halten, und er sollte sich um die Wurzeln seiner jüdischen Identität kümmern. Schwächere als er würden unter der Last wahrscheinlich zusammenbrechen.

Steinhauer macht das Beste daraus. Er entwickelt alle Anzeichen einer inneren Verfrostung. Die kindliche Unbedenklichkeit seines Freundes, des Gerichtsmediziners (Siegfried Walther), geht ihm komplett ab. Wie ein Monument aus Stein steht der Mime in Föttingers Landschaft der Qualen. Er bildet das imposante Zentrum einer Aufführung, der man alles vorwerfen kann, nur das eine nicht: dass sie zu schwungvoll wäre. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 5.4.2014)

  • Szenen einer Liebe zwischen ethnischen Grenzen: Julia Stemberger und Erwin Steinhauer im Lampenschein. 
 
    foto: apa/schlager

    Szenen einer Liebe zwischen ethnischen Grenzen: Julia Stemberger und Erwin Steinhauer im Lampenschein.

     

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