Affentheater im Dorotheum

4. April 2014, 18:07
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Im Zuge der ersten Auktionswoche spielt im Dorotheum ein bereits im 18. Jahrhundert beliebtes Porzellanorchester auf

Dem interessierten Publikum im Auktionssaal einen Hang zu unnützer Aufregung zu unterstellen wäre übertrieben. Dieweil ist im Dorotheum ein Affentheater anberaumt: kein symbolisches, die erste Auktionswoche des Jahres (8. bis 10. April) betreffend, sondern ein gegenständliches der Sparte Antiquitäten. Die Darsteller: 21 mit großer Hingabe und unter der Leitung eines lebhaft gestikulierenden Dirigenten musizierende Porzellanäffchen.

Auf einen ersten flüchtigen Blick trägt die exaltierte Buntheit dieser Affenkapelle zeitgenössische Züge, könnte man eine ungewöhnlich kleinteilige Arbeit von Jeff Koons vermuten. Die Präzision der Malerei - im Fachjargon Staffage genannt - und die Feinheit des Mienen- und Gebärdenspiels enttarnen dieses Ensemble in Fachkreisen schnell als Sprösslinge des legendäre Meißener Modelleurs Johann Joachim Kaendler.

Die Idee, Tieren menschliche Eigenschaften und Verhaltensweisen angedeihen zu lassen, war bereits in der Antike ein probates Mittel: um menschliches Handeln auf eine parodistische Weise zu veranschaulichen und aus vermeintlich animalischem Fehlverhalten lehrreiche Schlüsse für das humane Leben zu ziehen. Vor diesem Hintergrund hatte sich auch die - teils politisch instrumentalisierte - Tradition der Fabel entwickelt. Über Jahrhunderte ergänzten der Welt der Fauna entnommene Darsteller das Motivprogramm sowohl bildender als auch angewandter Kunst. Im Mittelalter kam der Affe hinzu, den man als konvenable Spezies zur Veranschaulichung menschlichen Verhaltens mit überwiegend komischem Charakter erkor.

Im Rokoko entstand daraus ein eigenes, der "Chinoiserie" zugehöriges Subgenre der Groteske: Diese "Singerien" zeigen gewitzte Primaten in der Rolle der Protagonisten, zumeist "à la mode" gekleidet oder einen Charakter der Commedia dell'Arte verkörpernd.

Gefragtes Serienprodukt

Neben den Figuren der Commedia dell'Arte gehörte diese 1747 kreierte und 1765 überarbeitete Affenkapelle zu einem charakteristischen Serienprodukt der Manufaktur, das die Klientel im 18. Jahrhundert zum Sammeln motivierte und damit größeren wirtschaftlichen Erfolg gewährleistete. Daran knüpfte man 2006, anlässlich des 300. Geburtstags Kaendlers, an und schuf eine um einen Tamburinspieler ergänzte limitierte Auflage von 30 Gruppen.

Eine der ersten Serien soll, wie Aufzeichnungen des Pariser Kaufmannes Lazare Duvaux vom 24. Dezember 1753 dokumentieren, die kunstsinnige Madame de Pompadour erworben haben. Aus dieser frühen Produktionsepoche (1753-1760), sagen Experten, seien weltweit höchstens zehn Ensembles bekannt, deren Wert bei etwa 350.000 Euro liegt. Deutlich günstiger sind die im 19. und 20. Jahrhundert entstandenen Nachfahren, wie das im Dorotheum offerierte Orchester belegt, für dessen Dauerverpflichtung zwischen 21.000 und 25.000 Euro bereitgehalten werden muss. (kron, Album, DER STANDARD, 5./6.4.2014)

  • Allerfeinst ausstaffierte Nachfahren der von J. J. Kaendler kreierten Affenkapelle: Dirigent, ...
    foto: dorotheum

    Allerfeinst ausstaffierte Nachfahren der von J. J. Kaendler kreierten Affenkapelle: Dirigent, ...

  • ... Trompeter ...
    foto: dorotheum

    ... Trompeter ...

  • ... und Sängerin als Repräsentanten eines um 1960 datierten Ensembles.
    foto: dorotheum

    ... und Sängerin als Repräsentanten eines um 1960 datierten Ensembles.

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