Wie man ein Kurschatten seiner selbst wird

4. April 2014, 18:11
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Von Julya Rabinowich

Ein Kurschatten seiner selbst zu werden, ist eine Kunst, die sich erlernen lässt. Wenn man gewohnt war, um zwei Uhr nachts schlafen zu gehen und dementsprechend spät aufzustehen, ist das ein schon ein guter Anfang.

Augenringe machen interessant, Unmengen von Rockstars bezeugen das. Natürlich war man gewohnt, über die Stränge zu schlagen - die einen mit Hochgeistigem, die anderen mit Niederschwelligem. Während die erstere Genusskugel unangenehm auffiel, wenn sie sich zu viel des Guten gegönnt oder eine die unfreiwillige Aufmerksamkeit anderer erregende Fahne produziert hatte, hörte sich die zweitere öfter an, dass sie nicht nur am eigenen frühen Tod, sondern auch noch am früheren Tod und Elend anderer, jedenfalls aber an der Verpestung fremder Textilien auf Körper und Einrichtung verantwortlich zu machen war. Ganz zu schweigen von den Völleranten und den allgemein Zügellosen.

In der Kur gehen all diese üblen Gewohnheiten verloren und müssen zügig durch neue ersetzt werden. Man kann etwa ein Zwiderer werden und schauen, wie weit man damit kommt. Es empfiehlt sich, die Geduld anderer Patienten zu erproben, indem man bei der Blutabnahme um 6.30 Uhr zuerst unter Mitwirkung seiner Mitverschwörer eine Wagenburg aus Rollatoren um den Eingangsbereich errichtet und nur ausgewählte Subjekte, von deren Bevorzugung man sich etwas erhofft, passieren lässt.

Ist man hingegen eine elegante, zarte alte Dame mit Silberhaartolle und Silberschuhen, die als Letzte am Schauplatz eintrifft, dann lächle man so strahlend und naiv wie möglich und schleiche sich an allen Wartenden vorbei, als hätte man sie einfach nicht wahrgenommen. Die Wagenburg lässt sich so sogar auffällig unauffällig überwinden, weil die Blockierer von noch mehr Chuzpe als der eigenen schlichtweg erschlagen sind. Im Speisesaal trage man entweder einen Hauch von ausgeleiertem Unterleiberl, das großzügig Einsicht in diverse Körperfalten gewährt, horte Unmengen an Butter- und Marmeladepäckchen und vergesse sie anschließend wochenlang in seinem Zimmer, das schließlich von Nachkommenden bezogen werden soll, oder huste den Tischnachbarn in die ungesalzenen Kräutersuppen.

Sie sollten wegen der unerwarteten Fleischeinwaage dankbar sein. Es empfiehlt sich, Uninteressierten beiderlei Geschlechtes im Schwimmbad oder noch besser in der Sauna aufzulauern und mit stierem Blick unausweichlich wie andere angekündigte Katastrophen näher und näher zu rücken. Verlässt das Objekt fluchtartig den Raum, hat man mehr Platz für sich selbst, der sich auch autoerotisch nutzen lässt. Voilà: So schnell ist man sein eigener Kurschatten geworden. (Julya Rabinowich, Album, DER STANDARD, 5./6.4.2014)

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