Sich oben alles richten

Kommentar4. April 2014, 13:47
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Warum die Beteiligung bei der EU-Wahl gering sein wird

Wenn nicht gerade eine Halbinsel annektiert wird oder ein Amerikaner durchdreht, sind Österreichs Nachrichtenkonsumenten nahezu täglich mit Korruption, Steuerhinterziehung oder folgenschwerer Mauschelei konfrontiert. Oft im Multipack.

Ob es sich nur um Verdachtsmomente handelt oder um tatsächliche Verbrechen, ist für den normalen Bürger einerlei. Ob Hypo Alpe Adria, Ex-ÖBB-Satelliten, Karl-Heinz Grasser oder mutmaßliche Steuerhinterzieher im Kultursumpf: Als nachgewiesen gilt der alte Spruch "Wo man eine Ratte sieht, tummeln sich zehn unsichtbare". Und während sich die Beschuldigten jahrelang einer Verurteilung entziehen, werden die Steuerzahler laufend und schuldlos abgestraft - keine Reform der kalten Progression und keine Entlastung kleiner und mittlerer Unternehmer. Sie zahlen weit über 40 Prozent an Abgaben. Beratungs- und Behördenkosten noch nicht eingerechnet.

Diesen Freitagmorgen wurde im ORF-"Morgenjournal" ein Zeuge im Prozess um den binnen eines Jahres auf das Doppelte hinaufgeschnalzten Preis für das ehemalige Hotel Britannia am Wiener Schillerplatz zitiert. Einem Bieter sei gesagt worden, er brauche sich gar nicht rühren, dann das sei "oben schon alles gedealt worden".

Wieder einmal zeigt sich, dass die Privatisierungswelle unter den Schüssel-Regierungen Leute hinaufgeschwemmt hat, die weder fachlich noch moralisch in Ordnung waren. Und wieder einmal bewahrheitet sich leider ein Biertisch-Befund: Nur die wenigsten Deals "der da oben" werden bekannt. Die Gaunerei wird allmächtig.

Kein Wunder, dass immer mehr Menschen die sogenannte "Schnauze" voll haben und am liebsten mit Hilfe eines Rohrmax das System durchblasen möchten.

Da die Verhältnisse in vielen anderen Ländern nicht besser sind, wird die Enttäuschung auch auf die EU übertragen. Das Ausmaß wird man an der Wahlbeteiligung am 25. Mai ablesen können. Die Regierungsparteien werden wieder "zu analysieren" beginnen - obwohl das Analyseergebnis längst feststeht. Und der politische Schaden auch. (Gerfried Sperl, derStandard.at, 4.4.2014)

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