Tatjana hat es mal wieder übertrieben

6. April 2014, 17:36
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Fantastische Geschichten aus der Welt der Werbung - Heute die Louis Vuitton-Kampagne: Warum Yousef Al-Arachmeini Tatjana Tivatchenko in der Wüste sitzen lässt

Wenn man die kindliche Launenhaftigkeit von Larissa Marolt und Naomi Campbells Zickigkeit addierte und die Summe dann mit dem Ego von Kanye West multiplizierte, dann hieß das Ergebnis Tatjana Tivatchenko. Tatjana war die Tochter des ostrussischen Oligarchen Pjotr Prassowitsch Tivatchenko und der ehemaligen Nachtclubgröße Svetlana "Ray" Tivatchenko.

Tatjana hatte in ihrer Kindheit und Jugend eine unüberschaubare Anzahl von Nannys verschlissen und stand auf den Schwarzen Listen der Fluglinien Aeroflot, Air China, Air France und Singapore Airlines. Sie hatte Hausverbot im George V und im Le Bristol in Paris, im Londoner Savoy und im Hassler in Rom. In den Moskauer Chanel-Shop ließ man sie auch nicht mehr rein.

Und auch bei ihrer Anreise in das neue Luxusresort "Desert Palace" in der Südsahara hatte es Tatjana mal wieder übertrieben. Im ersten der fünf XL-Hummer hatte sie allen Anwesenden die Fahrt zur Hölle gemacht. Nach zwei Stunden der permanenten Herummeckerei bekam sie erneut einen Tobsuchtsanfall, weil ihr Evian mit Himbeergeschmack nicht exakt auf die von ihr gewünschten 13,5 Grad temperiert war.

Zu Tatjanas Unglück hatte Yousef Al-Arachmeini, der Transport-Manager des Convoys, just am Vortag im panafrikanischen Lotto den Jackpot geknackt und einen höheren siebenstelligen Dollarbetrag gewonnen. Als sein Fahrgast ihm schreiend und keifend das Wasser ins Gesicht geschüttet hatte, hatte Al-Arachmeini nur sanft gelächelt, die Wagen stoppen lassen und seine Mitarbeiter angewiesen, Tatjana mit ihrer gesamten Bagage augenblicklich aus den Autos zu verfrachten und in der Wüste sitzen zu lassen. Wenn man sich Stolz leisten konnte, dann sollte man es auch tun.

Da saß sie nun. Tatjana war für einen kurzen Moment perplex. Was sich diese normalen Menschen heutzutage erlaubten, das war einfach unfassbar. Vladimir, der Chef von Pappas Security, würde diesem kranken Typen eine Lektion erteilen. (Stefan Ender, derStandard.at, 6.4.2014)

  • Die Kreativität der Werbebranche ist grenzenlos. Genauso wie die Phantasie unseres Autors Stefan Ender. Er denkt sich an dieser Stelle wöchentlich eine Geschichte zu einer aktuellen Werbekampagne aus. Das Magazin mit dem aktuellen Werbesujet wird fotografiert von Lukas Friesenbichler.

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