Ewige Stadt, goldenes Zeitalter

4. April 2014, 18:17
1 Posting

Motorroller, moderne Bauten und Dolce Vita: Maike Albath erinnert an eine traumhafte Epoche in Rom

Die zwanzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren die besten, die das moderne Italien hatte. Mindestens in kultureller Hinsicht. In diesen Jahren wurde Italien erst modern. Binnen weniger Jahre absolvierte es wie im Zeitraffer die Verwandlung vom rückständigen, zerspaltenen Kirchen- und Bauernland zur mächtigen Industrienation, zum Kulturland, zum Land der Liebhaber des Schönen.

Italien war ganz vorne mit dabei in Sachen Literatur, Design, Film: Große Romane wurden geschrieben, es gab Motorroller und den Cinquecento, Kühlschränke für jedermann, den Neorealismus, Gio Ponti, das Dolce Vita. Moderne Bauten wuchsen in den Himmel. Schriftsteller machten Politik, und Politiker schrieben Bücher. Der Weg von Cinecittà nach Hollywood war nicht weit. Von alledem ist heute nicht mehr viel geblieben, doch nach dem Krieg in Rom - damals muss alles möglich gewesen sein.

In ihrem neuen Buch Rom, Träume (Berenberg-Verlag) sucht die italophile deutsche Literaturkritikerin Maike Albath nach den Überresten und Erinnerungen an diese römische Zeit der Wunder. Wie war es also damals, als sich in Rom die Welt öffnete? "Alle waren jung und fühlten sich befreit, sie waren vergnügt und immer mit irgendetwas beschäftigt", erinnert sich Masolino d'Amico, Professor der Anglistik, der als Kind die Stars des italienischen Nachkriegskinos im elterlichen Wohnzimmer ein- und ausgehen sah. Er ist einer von zahlreichen Zeitzeugen, die Albath besucht hat, um sich ihre Geschichten über die berühmten Schriftsteller und Filmemacher der italienischen 50er- und 60er-Jahre anzuhören.

Dabei schlägt sie einen großen erzählerischen Bogen vom Leben der Großbürger, deren Langeweile Alberto Moravia zum Thema von Romanen machte, über die "Leidenschaften und Ideologien", an denen sich der Einzelgänger Pier Paolo Pasolini abarbeitete, bis hin zum "bittersüßen Leben", das Federico Fellini in die Kinos brachte.

Im Wohnzimmer der Familie d'Amico fand also bereits in den späten 1940ern ein reger Gedankenaustausch statt. Federico Fellini diskutierte mit den anwesenden Künstlern, darunter sein Drehbuchautor Ennio Flaiano. Von den Kindern ließen sich die Erwachsenen nicht stören, im Gegenteil: "Sie waren froh, wenn wir sie unterbrachen, denn die Arbeit bestand darin, über anderes zu reden."

Der Film erlebte nach dem überwundenen Faschismus, und schließlich mit Ausklingen des Neorealismus, seine goldene Ära. Hollywood kam nach Italien, denn den Stars gefiel das Dolce Vita, und nicht zuletzt konnte man in den im Faschismus gut ausgerüsteten Studios der Cinecittà billig produzieren. Man sieht ein goldenes Zeitalter vor Augen: Finanziell gab es nichts zu verlieren, die Regisseure konnten frei arbeiten, Wagnisse eingehen, aus dem Vollen schöpfen.

Glänzende Fixsterne

Neben den glänzenden Fixsternen Moravia, Pasolini und Fellini, den großen Autoren Carlo Emilio Gadda oder Elsa Morante tauchen bei Albath auch einige weniger bekannte Figuren auf. Etwa der 1910 geborene Flaiano, der kongeniale Autor Federico Fellinis, ein Autodidakt, der die Uni schmiss, um lieber interessante Leute zu treffen, von denen er lernen konnte, der nächtelang über die römischen Plätze und Straßen spazierte, in einer Zeit, als es kaum Autos gab und die Stadt noch ihren Bewohnern gehörte.

Flaiano erfand im Übrigen nicht nur den Namen "Paparazzo" für einen besonders aufdringlichen Fotoreporter. Er schrieb neben seinen zahllosen Drehbüchern mit Tempo di uccidere 1947 auch eine erschütternde Geschichte über den grausamen Abessinienfeldzug der Italiener im Faschismus. Ein herausragender Roman über Schuld und Sühne, über die Entmenschlichung durch den Krieg; in dem nur wenige Jahre nach Camus' L' Étranger erneut ein junger Mann zum Mörder wird und, scheinbar aus der Zeit gefallen, verzweifelt gegen eine lähmende Irrationalität ankämpft (auf Deutsch: "Alles hat seine Zeit").

Film und Literatur, das geht als Conclusio aus Albaths Traum eines römischen Künstlerparadieses hervor, waren eng miteinander verknüpft: Als Hotspot beider Sparten wird die Via Veneto genannt, in deren Cafés und Restaurants Dichter und Denker, Regisseure und Schauspieler, Drehbuchautoren und Lebenskünstler unter Aufhebung aller Standesdünkel zusammentrafen.

Ein jeder konnte jedem begegnen, jederzeit. Ideen entstanden nicht länger in den Salons der gehobenen Gesellschaft, sondern in den Straßenlokalen, zu denen alle Zutritt hatten. Ideen und Talente zählten, nicht die Herkunft. Zeitzeugen wie die inzwischen 93-jährige Schauspielerin Franca Valeri geraten ins Schwärmen, wenn sie jener Jahre gedenken. Rom, sagt Valeri, sei damals eine Stadt der Literatur gewesen. "Theater, Filme, Bücher waren ganz einfach ein Teil unseres Daseins. Wir haben gar nicht gemerkt, wie diese Ära vorbeiging."

Maike Albaths Rom-Buch bietet keine neuen Erkenntnisse über die Literatur aus der Zeit ihres "Traums", es bereichert die Literaturgeschichte allenfalls um mehr oder weniger pointierte Anekdoten und Gerüchte über Lebenswelten, unglückliche Lieben und Eitelkeiten.

Unter den Weggefährten, die Albath in deren Wohnungen und Arbeitszimmern besucht hat, sind, nicht nur, aber auch, bedeutende Zeitgenossen wie der Pasolini-Biograf Nico Naldini oder der inzwischen verstorbene Dichter Andrea Zanzotto. Die Gespräche mit ihnen werden von der Autorin häufig kommentarlos zusammengefasst. Nicht wenige Themen gehen damit im Spekulativen verloren, wo eine weiterführende Analyse nötig gewesen wäre.

Eine Stärke des Buches ist hingegen das topologische Interesse der Autorin: Sie rückt die Straßen und Plätze der Stadt, ihre Vororte und schnell gebauten Wohnsiedlungen in den Blick. Orte, die zugleich Lebensraum und Schauplatz sind. Albaths Stadt-Recherchen führen sie an die Schauplätze ihrer Literatur- und Filmbeispiele, sie schildert den drastischen (baulichen) Wandel einzelner Straßenzüge und ganzer Stadtteile, der oftmals einen radikalen Gesichtsverlust bedeutete. (Isabella Pohl, Album, DER STANDARD, 5./6.4.2014)

Maike Albath, "Rom, Träume. Moravia, Pasolini, Gadda und die Zeit der Dolce Vita". € 25 / 304 Seiten. Berenberg-Verlag, Berlin 2013

  • Artikelbild
    foto: berenberg-verlag
Share if you care.