Der feine Unterschied

4. April 2014, 10:23
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Über die Bedeutung der sozialen Herkunft für die Karriere

Für Frank Stronach gab es zwar bei der letzten Nationalratswahl einen Dämpfer, der ihm zeigte, dass seine Bäume nicht überall in den Himmel wachsen. Dass er es aber in der Politik überhaupt so weit bringen konnte, verdankt der steirische Werkzeugmacher der Kraft des "Vom Tellerwäscher zum Millionär"-Mythos. Einzelbeispiele wie Stronach, die eine schier unglaubliche Karriere gemacht haben, sollen uns vor Augen führen, dass auch wir es schaffen können. Sollte unsere Karriere steckenbleiben oder sollten wir gar in soziale Bedrängnis und Not geraten, dann sind wir daran selber schuld. Das mag in manchem Einzelfall zutreffen, die empirischen Befunde zeigen aber, dass unsere soziale Herkunft unserem Aufstieg Grenzen setzt.

Der deutsche Soziologe Michael Hartmann erhob, dass seit Jahrzehnten über vier Fünftel der Topmanager deutscher Großkonzerne aus dem gehobenen Bürgertum oder dem Großbürgertum stammen. Ähnliches gilt für Frankreich, das Vereinigte Königreich und die USA. Trotz Bildungsexpansion hat sich die Zusammensetzung dieser Elite kaum geändert. Der "Stallgeruch spielt in derartigen strengen Selektionsverfahren eine wichtige Rolle. Andere "riechen" quasi, aus welchem Milieu man stammt, und kategorisieren einen nach dieser Einschätzung. Um das Risiko zu reduzieren, rekrutiert man seinesgleichen.

Größer werdende Schere

Die erste scharfe Selektion geschieht bereits in der Schule: Bereits in den Maturajahrgängen sind Arbeiterkinder und bildungsferne Schichten deutlich unterrepräsentiert. Die Schere wird während des Studiums noch etwas größer, unter den Absolventen österreichischer Hochschulen sind 30 Prozent Akademikerkinder (im Vergleich zu ca. zehn Prozent in der Wohnbevölkerung) und lediglich zehn Prozent Kinder, deren Eltern bloß die Pflichtschule abgeschlossen haben (im Vergleich zu 30 Prozent in der Wohnbevölkerung).

Unsere empirischen Daten zeigen, dass sich die soziale Herkunft vor allem über die Vererbung eines bestimmten Lebensstils auf den Karriereerfolg auswirkt. Wer in einem bildungsbürgerlichen Haushalt aufgewachsen ist, eine Bibliothek mit ein paar tausend Bänden nutzen konnte, wer ein Musikinstrument lernte und selbst regelmäßig ins Theater, Konzert und in die Oper geht, wer Qualitätsmedien zu nutzen versteht und von den Eltern gelernt hat, sich elegant und behände in der virtuellen und echten Welt zu bewegen, weil z. B. Auslandsaufenthalte gefördert wurden, der wird sein Leben lang einen anderen Habitus, ein anderes Auftreten haben.

Im Laufe des Karriereverlaufs wird der Einfluss der sozialen Herkunft aber zunächst geringer, und jener der Persönlichkeit steigt an. Am Anfang spielt der ererbte Habitus eine große Rolle in Personalauswahlprozessen, und bestimmte Jobs bekommt man ohnehin nur angeboten, wenn man einen entsprechenden Stammbaum hat. Dann aber lernen einen die anderen kennen, die Vorgesetzten und Kollegen, man kann Leistungen zeigen, und die Persönlichkeit, also Eigenschaften wie Verlässlichkeit, Offenheit für Neues, Verträglichkeit, Extrovertiertheit und ein angstfreies Selbstbewusstsein werden wichtiger. Das ist die Phase, in der dann viele glauben, dass sie es geschafft haben und ihres eigenen Glückes Schmied sind. Dumm nur, dass dann in der zweiten Karrieredekade für die wirklichen Spitzenpositionen der Stallgeruch wieder eine wichtige Rolle spielt. (Michael Meyer, Der Standard, 29.3.2014)

Michael Meyer ist Vizerektor und Vorstand des Non-Profit-Kompetenzzentrums (NPO) der Wirtschafts-Uni Wien (WU).

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