Europa ist auf Geisterfahrt

3. April 2014, 17:57
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Europa könnte Geldpolitik lockern, im Unterschied zum Rest der Welt - das hat Auswirkungen auf die Märkte

Wien - Wenn ein Anlagestratege wie Jim Reid von der Deutschen Bank von einer "faszinierenden Achterbahnfahrt im ersten Quartal" spricht, dann ist Vorsicht angesagt. Tatsächlich ist das Kapitalmarktjahr anders gestartet, als viele Anleger vermutet haben. Nicht nur dass Investoren mit sicheren Anleihen aus Deutschland oder den USA genauso Geld verdienen konnten wie mit Gold. Trotz der Krim-Krise und schwacher Wirtschaftsdaten aus der Eurozone gehörten Aktienmärkte wie Griechenland, Italien oder Portugal mit Gewinnen von rund 15 Prozent zu den stärksten, wie Daten der Deutschen Bank zeigen.

Gleichzeitig haben die Krim-Krise und die Unsicherheit um das künftige Wachstum in China die Märkte in den Schwellenländern weiter unter Druck gebracht und zu Kursverlusten von Hongkong bis São Paulo geführt. Eine aktuelle Umfrage unter Portfoliomanagern von Bank of America Merrill Lynch zeigt, dass professionelle Investoren im März so negativ eingestellt gegenüber den Schwellenländern waren wie noch nie.

Politik wird gestrafft

Für François Chauchat, Europa-Ökonom beim Hongkonger Research-Haus GaveKal, könnte sich dieser Trend noch fortsetzen. Denn sowohl in den USA als auch in einigen Schwellenländern sind die Zentralbanken derzeit damit beschäftigt, ihre Politik zu straffen. Die USA, weil das Wachstum stabil genug scheint, um ohne Anleihenkäufe auszukommen. Die Schwellenländer, weil sie ihre Währungen stabilisieren und die Inflation bekämpfen müssen. Steigende Zinsen sind die Folge. "In Europa passiert das Gegenteil. Hier erhöht sich die Liquidität an den Geldmärkten, die Renditen für Unternehmensanleihen fallen, und das löst einen Liquiditätsboom aus", sagte Chauchat bei einem Vortrag auf dem Investorentag der Bank Gutmann.

Dazu komme noch die Bewertung. "Die Wall Street ist der am stärksten überbewertete Markt der Welt", betont Chauchat im Gespräch mit dem Standard. So seien US-Aktien, gemessen an Bewertungsmaßstäben wie Kurs-Buchwert oder Kurs-Gewinn-Verhältnissen, relativ teuer. Europäische Märkte hingegen seien deutlich günstiger.

Dabei sei das schwache BIP-Wachstum in Europa lediglich eine Nebelgranate für Anleger, glaubt Chauchat. "Aktieninvestoren kaufen kein BIP, sie kaufen Unternehmen." Ob Firmen ihre Gewinne ausweiten können oder günstig bewertet sind, sei erst einmal unabhängig vom Wirtschaftswachstum. Tatsächlich hätten gut geführte europäische Unternehmen viel stärker von dem Wachstum in den Schwellenländern profitieren können als so mancher russische oder chinesische Staatskonzern. (sulu, DER STANDARD, 4.4.2014)

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