Recherche: "Nicht Drang zur Exklusivität erliegen"

3. April 2014, 17:32
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Der journalistische Rahmen sei Maßstab für Qualität, hieß es bei den Journalismustagen - Recherche als "Ausdauersport"

Wien - Journalisten müssten sich an Grenzen wagen, vor allem wenn Politiker dabei seien, diese zu überschreiten. Renate Graber, STANDARD-Wirtschaftsjournalistin und kürzlich zu Österreichs investigativster Journalistin gewählt, machte sich am Donnerstag in einer Diskussion bei den Österreichischen Journalismustagen auf die "Suche nach der Wahrheit".

Ausdauersport, Vergnügen, Mut und Vertrauen der Vorgesetzten sowie das Ausloten von Grenzen sind für Graber die Schlagworte, die ihre Recherchearbeit charakterisieren. Der lapidare Satz eines BAWAG-Mitarbeiters "Frau Graber, schreiben Sie nicht so viel", sei im Jahr 2005 ein zusätzlicher Ansporn gewesen, um  noch tiefer nach den verschütteten Karibik-Millionen zu graben. Wie die journalistische Devise "Check, Re-Check, Double-Check" in der Praxis gelebt wird und welche Schwierigkeiten damit verbunden sind, erzählte Graber anhand des BAWAG-Skandals.

Unterschiede zwischen Print und Online

Für Nicole Kolisch, Chefin vom Dienst bei kurier.at, sind "journalistische Wahrheiten Töchter ihrer Produktionen", wie sie in Anspielung auf Andreas Khol, Ex-ÖVP-Klubchef, sagte. Khol sprach von der "Wahrheit als Tochter der Zeit". Kolisch wandelte das Zitat ab, um auf die Unterschiede zwischen Print- und Onlinejournalismus hinzuweisen. Beim Onlinejournalismus gehe es nicht um ein festes Endprodukt, das am Ende der Recherche stehen müsse. Im Vordergrund stünde das Transparentmachen von Quellen - des "Prozesses auf der Suche nach der Wahrheit".

Im Gegensatz zu Printtexten seien Online-Geschichten nicht als endgültig zu betrachten, sondern als Produkte im Entstehen, die ständig gedreht werden können. Wichtig sei es, den Lesern den jeweiligen Stand im Prozess mitzuteilen. Etwa über Updates oder Korrekturen. "Das Medium gibt den Rahmen vor, indem sich Qualität definiert." Ein Recherche-Rahmen, der neben dem Medium auch von den Branchenbedingungen bestimmt wird. Konkurrenz-, Zeit- und Finanzdruck engten den Spielraum ein.

Rahmen gibt Geschichten vor

"Den Drang zur Exklusivität nicht zu erliegen", sieht Susanne Schnabel, Moderatorin der ORF-Sendung "Report" als wichtige Aufgabe von Journalismus. Was fehle, sei oft der lange Atem, um Geschichten weiterzuverfolgen. Eine maßgebliche Rolle spiele die Charakteristik des Mediums. Der "Report" hatte bereits im Jänner Informationen über teure Beraterverträge, die im Zuge der Hypo-Causa vergeben wurden. Die Redaktion konnte die Geschichte aber nicht bringen, schildert Schnabl, da der Informant nicht vor die Kamera treten wollte. Das Medium determiniere manchmal den Handlungsspielraum.

Schritt aus der "journalistischen Blase"

"Urban Legends" zu überprüfen und einen Schritt aus der "journalistischen Blase" zu machen, dazu rät APA-Innenpolitikjournalist Christian Haslacher. Als Beispiel nennt er die Zahl 15, die in Milliardengröße als Einsparungspotenzial bei einer Verwaltungsreform durch viele Medien geisterte – mit Berufung auf den Rechnungshof, der dieses Sparvolumen angeblich errechnet hatte. Das Problem: Es stimmte nicht. Nur in einem Rechnungshofbericht finde sich die Zahl wieder, nämlich als Dementi, dass sie nie verwendet wurde, so Haslacher.

Ganz generell plädiert er für mehr Zurückhaltung: "Bringt man eine Geschichte nicht auf den Boden, sollte man es lassen." Nicht jede Recherche münde zwangsläufig in einer Geschichte: "Das muss man dem Chef dann auch so sagen." (omark, derStandard.at, 3.4.2014)

  • Recherchieren und sich etwa durch Akten zu wühlen, hier sind welche aus dem Banken-Untersuchungsausschuss aus dem Jahr 2007 zu sehen, sei "Ausdauersport".
    foto: standard/hendrich

    Recherchieren und sich etwa durch Akten zu wühlen, hier sind welche aus dem Banken-Untersuchungsausschuss aus dem Jahr 2007 zu sehen, sei "Ausdauersport".

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