Die Lehren der Ölkrise

Leserkommentar3. April 2014, 16:52
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Ressourcenabhängigkeit und Reaktionen Europas 1974 und heute

Die Annexion der Krim durch Russland, trotz aller Proteste aus Europa und den USA, zeigt, dass die russische Führung sich außenpolitisch sicher fühlt. Diese Einschätzung beruht auf ihren Erdöl- und Gasreserven. Für die Europäische Union ist Russland einer der bedeutendsten Energielieferanten. Insbesondere die Volkswirtschaften Mittel- und Osteuropas sind auf Importe aus Russland angewiesen.

In Deutschland stammen 37 Prozent der Gasimporte aus Russland, in Österreich und Tschechien sind es um die 60 Prozent, im Baltikum und Finnland an die 100 Prozent. Moskau hat diese Abhängigkeit erkannt und macht sie sich zunutze. Ist die Europäische Union somit dazu gezwungen, stillzuhalten und Russland gewähren zu lassen?

Mitnichten, Ressourcenreichtum als Instrument der Außenpolitik zu gebrauchen ist keine neue Idee. Russland ist nicht das erste Land, das Europas Abhängigkeit von Energielieferungen ausnützen will.

Kein neues Phänomen

Seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts konnte Europa seinen Energiebedarf zunehmend nicht mehr selbst decken. Sichtbar wurde das in 1970er-Jahren, als die OPEC eine Ölkrise verursachte, um die Israel-Politik des Westens zu beeinflussen. Wir stehen also vor keinem völlig neuen Phänomen. Zwischen 1973 und 1985 führten Verteuerung und Verknappung von Energielieferungen zu einer realwirtschaftlichen Krise, zum Ende des Wirtschaftswunders nach dem Zweiten Weltkrieg.

Ebenso zeigte die weitere Entwicklung aber auch, wie sich die Lage für Energieimporteur und -exporteur wenden kann. Obwohl wir nach wie vor Erdöl aus dem Nahen Osten beziehen, kann von einer Abhängigkeit wie in den 1970er-Jahren keine Rede mehr sein. Import- und Exportgeschäfte schaffen keine einseitigen Dependenzen zwischen Staaten. Russland ist auf den Gewinn, vor allem die Devisen, aus den Exporten angewiesen. Sollten diese ausbleiben, kann sich das Druckmittel als Bumerang erweisen.

Wie unabhängig werden?

Nun ist die Frage, was Europa damals getan hat und was es heute tun kann, um weniger auf russische Energielieferungen angewiesen zu sein. Aus der Ölkrise lassen sich Schritte ableiten und reproduzieren, die in drei Zeithorizonten, einem von unmittelbar möglichen Handlungen, einem für die nächsten zehn Jahre und einem darüber hinaus, zu setzen sind.

Das letztendliche Ziel muss am Verbrauch ansetzen. Abhängigkeit von Energielieferungen stellt letztlich immer einen Einschnitt in unsere Souveränität dar. Es müssen also Wege gefunden werden, unseren Verbrauch fossiler Brennstoffe erheblich einzuschränken. Das mag utopisch klingen, doch wenn man sich vor Augen führt, dass es heute in Deutschland doppelt so viele Autos gibt wie 1973, gleichzeitig aber 25 Prozent weniger Erdöl verbraucht werden, so zeigt sich, dass Reduzierung im Verbrauch durchaus möglich ist.

1973 lag der Gedanke an Energiesparen fern, alternative Energiequellen steckten noch in den Kinderschuhen. Forschung und Akzeptanz auf diesem Gebiet haben seit damals einen Quantensprung gemacht, sie können in eine langfristige Planung absolut einbezogen werden. Zusätzlich bieten alternative Energiequellen dem Hochtechnologiesektor, einer Kernkompetenz Europas, Arbeitsplätze für die Zukunft.

Diversifizierung der Energielieferungen

Nichtsdestotrotz brauchen diese Entwicklungen Zeit und können nicht ad hoc angewandt werden. Dafür braucht es zusätzlich Diversifizierung der Energielieferungen. Das kann durchaus auf mittelfristige Sicht realisiert werden. Die Krise zwischen 1973 und 1985 wurde entscheidend dadurch überwunden, dass Importe aus dem arabischen Raum durch sowjetische substituiert wurden. Wie sich nun herausstellt, trieb man so den Teufel mit dem Beelzebub aus. Es kann also nicht das Ziel sein, von der Abhängigkeit von Russland in die Abhängigkeit eines anderen Drittstaats zu wechseln.

Vielmehr müssen verschiedene neue Quellen erschlossen werden, damit der Anteil der russischen Energielieferungen gesenkt werden kann. Dabei bieten sich vor allem Zentralasien, das Schwarze Meer vor Rumänien und das Gebiet am Persischen Golf an. Es ist eine mittlere Katastrophe, dass sich das Southstream-Projekt gegen die Nabucco-Pipeline durchgesetzt hat. Russland Kontrolle über eine zweite Energieroute zu geben und gleichzeitig Südeuropa verstärkt mit russischem Gas zu versorgen liefert die gesamte EU in noch höherem Maße Moskau aus.

Wiederbelebung von Nabucco?

Die Wiederbelebung der Nabucco-Pipeline sollte deshalb ernsthaft in Erwägung gezogen werden. Ausgehend von ihrer Route von der Türkei durch Rumänien nach Mitteleuropa, böte sie genau jene Diversifikation, die die EU braucht. Setzt sich das Tauwetter im Iran fort, so hätte die Nabucco-Pipeline Anschluss an die zweit- bis fünftgrößten nachgewiesenen Erdgasreserven der Welt.

Zunächst wird die EU jedoch kurzfristig realisierbare Strategien suchen müssen. Es existieren hierfür drei Möglichkeiten. Werden die Importe aus Russland reduziert, so wird die wichtigste Quelle für Devisen vorenthalten. Sowohl in den USA als auch in Europa besteht die Möglichkeit, durch Fracking Lagerstätten zu erschließen, die bislang nicht rentabel ausgebeutet werden konnten. Gelänge es, die OPEC-Staaten dazu zu bringen, ihre Förderquoten zu erhöhen, würde das größere Angebot den Preis senken und so die russischen Einnahmen schmälern.

Jeder dieser Ansätze hat Folgen, derer man sich bewusst sein muss. Riskiert man großflächig den Ausfall russischer Energieexporte, so läuft man Gefahr, durch eine erneute Energiekrise die EU in eine Rezession zu stürzen, noch bevor die Eurokrise wirklich überwunden ist. Eine Verständigung mit der OPEC würde politisches Entgegenkommen für ihre Ziele verlangen. Das würde nicht nur den Friedensprozess im Nahen Osten beeinflussen, auch die Entspannung zwischen dem Iran und dem Westen sowie der Bürgerkrieg in Syrien wären betroffen. Fracking wiederum hätte Schädigungen der Umwelt zur Folge.

Verständigung mit der OPEC

Ziel muss es sein die Einsätze an ökonomischem, ökologischem und politischem Kapital so abzuwägen, dass weder eine unkontrollierbare Situation entsteht noch ein kurzfristiger Ansatz eine der längerfristigen Strategien konterkariert. Besonders eine Verständigung mit der OPEC und die vorsichtige Reduzierung russischer Energielieferungen würden sich jedoch anbieten. Weniger Importe bei geringeren Kosten würden sich in ihrer Wirkung multiplizieren.

Nun kann man mit Fug und Recht fragen, warum die Europäer all diese Schwierigkeiten auf sich nehmen sollen. Die Krim hat keine zentrale Bedeutung für die EU, und alles deutet darauf hin, dass die Abstimmung zwar unseren demokratischen Maßstäben nicht genügt hat, aber doch die Meinung der Mehrheit der Bewohner widerspiegelt.

Es handelt sich hier jedoch nicht um ein Einzelereignis. Man muss sich im Klaren darüber sein, dass die Annexion der Krim Folge eines Lernprozesses ist, der spätestens mit dem Kaukasuskrieg 2008 begann. Nun haben Putins Ambitionen einen deutlichen Schritt in Richtung der EU-Außengrenzen gemacht. Ausharren in der Hoffnung, dass Moskau sich nach diesem Erfolg wieder auf die Regeln internationaler Politik besinnt, ist keine Option.

Grenzen setzen

Diese Haltung hatte nach 2009 schon das Scheitern des Nabucco-Projekts zur Folge und so zur aktuellen Misere beigetragen. Für die absehbare Zukunft wird Russland eine der zentralen Herausforderungen europäischer Außenpolitik bleiben. Im Interesse der Handlungsfähigkeit der EU muss der eigene Spielraum ausgebaut und der Moskaus eingeschränkt werden. Der russischen Machtpolitik müssen Grenzen gesetzt werden. Diese Aufgabe kann die EU nicht allein den USA zuschieben.

Die EU muss akzeptieren, dass ihr eine besondere Rolle in der internationalen Politik zukommt. Einen fortwährenden Problemfall an ihrer Außengrenze kann sie sich also einfach nicht leisten. Umso mehr, als einige ihrer Mitgliedsstaaten aufgrund ihrer historischen Erfahrungen mit Russland durch die Krimkrise verunsichert sind. Es geht nicht darum, einen Kalten Krieg 2.0 heraufzubeschwören, sondern die Interessen der EU in einem politisch-wirtschaftlichen Rahmen zu verfolgen. (Matthäus Vobruba, Leserkommentar, derStandard.at, 3.4.2014)

Matthäus Vobruba hat im vergangenen Monat sein Studium an der Universität Graz abgeschlossen. Seine Arbeit widmete sich der Bewältigung der Ölkrise 1973/74 in Europa.

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