"Notenbanken haben das nicht im Griff"

3. April 2014, 18:35
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Der Ökonom und Investor Max Otte warnt vor einer Blase bei Anleihen und glaubt, dass Österreicher und Deutsche zu wenig Aktien halten

STANDARD: Der Bullenmarkt bei Aktien dauert jetzt schon fünf Jahre, große Indizes in den USA und Deutschland stehen auf neuen Rekordständen. Treiben gierige Aktionäre die Kurse wieder zu gefährlich hohen Bewertungen? Droht eine Korrektur dieser Euphorie?

Otte: Nein, vielleicht vereinzelt. Wir haben die Bildung von grotesken Überbewertungen und gefährlichen Blasen aber ganz woanders; in Österreich und Deutschland etwa auf den Immobilienmärkten. Wir haben zudem eine Blase im Geldmarkt, bei den Anleihen, die kaum Renditen mehr zahlen. Das ist von den Zentralbanken manipuliert und gewollt, indem sie die Zinsen niedrig halten.

STANDARD: Aber wo ist es denn gefährlich? Gerade in den USA warnen Analysten, dass die Kurse schon sehr weit gelaufen sind.

Otte: Das ist richtig, Aktienmärkte in den USA oder der Schweiz sind mittlerweile teuer. Wenn Investoren Aktien gekauft haben, dann überwiegend Qualitätspapiere. Sie haben in der Krise sichere Geschäftsmodelle wie Henkel oder Nestlé nachgefragt. Diese Aktien sind jetzt teuer, aber eine Blase, eine groteske Übertreibung, ist das noch nicht.

STANDARD: Die Kursentwicklung vieler Aktienmärkte fand fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, Aktien haben in Österreich oder Deutschland nur wenige Menschen im Portfolio. Ist das ein Problem?

Otte: Es ist dramatisch. Im Dax gab es eine Vervierfachung, aber der deutsche Besitz der Aktien hat sich halbiert. In Österreich ist es ähnlich. Das ist ein Raubzug durch das deutsche und österreichische Produktivvermögen. Es ist auch für die Sparer ein Problem. Die Zinsen werden auf Jahre niedrig bleiben, und sollten sie steigen, drohen Verluste bei Anleihen. Die Notenbanken haben das letztendlich nicht im Griff, wenn die langfristigen Renditen hochschnellen. Die Anleger aber haben leider zu wenig Aktien. Das müsste mehr sein, statt der durchschnittlich fünf Prozent derzeit etwa 20 Prozent.

STANDARD: Womit hat das Desinteresse zu tun?

Otte: Nach der Technologieblase 2000 und noch etwas später in der Finanzkrise haben die Investoren einen kräftigen Schlag auf die Nase bekommen. Das hat viele Anleger auf Dauer verscheucht. Es hat aber auch etwas mit unserer Geschichte zu tun. In Zentraleuropa brauchten wir die Börse nicht, um Geld aufzustellen, es gab ja die Banken.

STANDARD: Was sind dann sechs Jahre nach dem Finanzcrash und zwei Jahre nach der Eurokrise die Lehren, die ein Investor, der für seine Pension vorsorgt, für spätere Anschaffungen ziehen kann?

Otte: Man muss sich rational mit der Börse beschäftigen. Die Mischung im Portfolio muss den eigenen Anforderungen angepasst werden, man muss Geduld haben und langfristig investieren. Man darf sich nicht von der Tagespresse verunsichern lassen. Die Börse ist einfach unglaublich volatil. Man muss sich fundiert eine Meinung bilden, und das ist allerdings nicht einfach.

STANDARD: Das klingt alles sehr komplex. Macht es überhaupt Sinn, dass sich Privatanleger mit einzelnen Aktien, mit komplizierten Geschäftsmodellen und Ertragserwartungen beschäftigen?

Otte: Ich bin in meiner Empfehlung vorsichtiger als früher. Ich habe bisher immer gesagt, jeder kann das, es ist kinderleicht. Mittlerweile ist das anders. Im vergangenen Jahrzehnt habe ich gesehen, dass die Leute einer einfachen, emotionalen Logik folgen. Die einfachste ist: Aktie steigt, Aktie gut. Aktie fällt, Aktie schlecht. Das ist so falsch, wie nur irgendwas an den Finanzmärkten falsch sein kann. Trotzdem ist das der unmittelbare Impuls, den alle haben. Die meisten Anleger werden von ganz einfachen Instinkten geleitet. Daher macht es Sinn, wenn sie ihre Risiken streuen, etwa über Fondsprodukte oder ETFs.

STANDARD: Wenn Sie sich aktuell die Kapitalmärkte ansehen, was ist denn dann für einen Investor, der langfristig engagiert ist, attraktiv bewertet?

Otte: Wir kaufen nach wie vor bei der europäischen Peripherie, etwa Bankaktien. Zuletzt haben wir in den Emerging Markets angefangen, im Rohstoff- und Ölbereich.

STANDARD: Aber schlummern hier nicht große Risiken?

Otte: Überall gibt es natürlich Gegenargumente. Aber wenn man in einer Gesamtstrategie das kauft, was billig ist, dann kommt das eben vor. Für einen Value-Investor sind Investments gerade dann interessant, wenn sie aus der Mode sind. (Lukas Sustala, DER STANDARD, 4.4.2012)

Max Otte (49) ist Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Fachhochschule Worms. Seit 2011 ist der deutsch-amerikanische Ökonom auch Professor an der Universität in Graz. Otte ist zudem Fondsmanager und Autor zahlreicher Bücher, etwa von "Der Informationscrash".

  • Max Otte über Anleger: "Die Leute folgen einer emotionalen Logik. Die einfachste ist: Aktie steigt, Aktie gut. Aktie fällt, Aktie schlecht.
    foto: picturedesk.com / bernd roselieb

    Max Otte über Anleger: "Die Leute folgen einer emotionalen Logik. Die einfachste ist: Aktie steigt, Aktie gut. Aktie fällt, Aktie schlecht.

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