Auslandsjournalismus "zwischen Kanzler und Caritas"

3. April 2014, 15:59
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"Profil"-Redakteur Staudinger fordert mehr Eigeninitiative von der Branche

Wien - Auslandsjournalismus ist ein ebenso schwieriges wie kostspieliges Feld. Diese Voraussetzungen sollten heimische Medien allerdings nicht daran hindern, sich dieses Themas mit mehr Eigeninitiative anzunehmen, findet "Profil"-Redakteur Martin Staudinger. Bei den Österreichischen Journalistentagen diskutierte er am Donnerstag mit Kolleginnen über diesen Job "zwischen Kanzler und Caritas".

Denn ein zu großer Anteil der Berichterstattung erfolge vom "sicheren Schreibtisch" aus beziehungsweise auf Einladung von Politik oder von NGOs. Am Beispiel der Ukraine-Krise legte Staudinger dar, dass "die wenigsten früh genug erkannt haben, was sich da zusammenbraut". Angesichts dieses "Armutszeugnisses" hob er Jutta Sommerbauer ("Die Presse"), Christian Wehrschütz (ORF) sowie den freien APA-Mitarbeiter Herwig Höller hervor, die als Einzige kontinuierlich über die Causa berichtet hätten.

Kommentare anstelle fundierter Reportagen

Dem gegenüber stünden doppelt so viele Journalisten, "die mit Außenminister Sebastian Kurz wagemutig das Flugzeug bestiegen haben". Bei dieser Form des "Embedded Journalism" erfahre man über die tatsächlichen Zusammenhänge aber oft zu wenig, gleichzeitig würden Kommentare anstelle von fundierten Reportagen überhandnehmen. Statt Fachkenntnis, Recherche und Eigeninitiative würden meist Alleskönnerei, Meinung und eine Pauschalreisementalität vorherrschen.

Staudinger plädierte entsprechend für die "selbstständige Suche nach Themen und Geschichten, und zwar nicht nur bei aktuellen Notwendigkeiten". Monika Kalcsics, unter anderem für Ö1 als freie Journalistin tätig, legte Schwierigkeiten bei der Finanzierung von breiter angelegten Reportagen dar. "Vor allem aber muss viel transparenter werden, woher die Informationen kommen. Wir müssen unsere Hörer, Leser und Zuseher für voll nehmen."

Punktuell und ohne Kontext

Dass zu wenig Interesse seitens des Publikums an Auslandsthemen da sei, verneinte wiederum Puls 4-Infochefin Corinna Milborn. "Wir berichten ja so wenig, dass kein Interesse entstehen kann", resümierte sie. Wenn, passiere dies nur punktuell, und meist ohne Kontext. "Außenpolitik muss man wie jedes andere Metier betrachten: Wenn man die Figuren nicht kennt, kann man beispielsweise am Wahltag kein Interesse erwarten." Sie selbst hat sich Reportagen über Buchpublikationen, sprich die Leser finanziert.

Zeit, Mut und Selbstbewusstsein

Auf eine weitere Alternative bezog sich Sommerbauer, die Rechercheprogramme von Stiftungen oder Journalistenpreise ins Treffen führte. Sie selbst versuche, nicht jede Pauschalreise anzunehmen, sondern eine bewusste Auswahl zu treffen und "eher in eigene Projekte" zu investieren. Ist man aber einmal vor Ort, erliege man mittlerweile oft dem Druck, "jede gewonnene Information auf allen möglichen Kanälen auch gleich zu verwerten". Ihr Fazit: "Wir brauchen Zeit, Mut und Selbstbewusstsein, um für unsere Geschichten zu kämpfen." (APA, 3.4.2014)

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