Free Jazz, aus der Zeit gefallen

3. April 2014, 18:33
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Der 75-jährige Saxofonist und Pianist Charles Gayle gastiert am Freitag in Wien

Unter den Charakterköpfen, die der Avantgarde-Jazz der 1960er-Jahre hervorgebracht hat, nimmt Charles Gayle eine Sonderrolle ein. Der 75-jährige Saxofonist und Pianist aus Buffalo verlegte 1972 seinen Wohnsitz nach New York City, um der Musik nahe zu sein, die sein Leben bedeutete: dem freien Jazz. Das mit dem "Wohnsitz" ist relativ zu sehen. Denn Gayle lebte rund 15 Jahre ohne Obdach und verdingte sich als Straßenmusiker, indem er Manhattan mit Saxofonschreien beschallte. Mitte der 1980er wurde der deutsche Bassist Peter Kowald auf Gayle aufmerksam. Es war der Beginn einer späten Karriere, für die die 1993 aufgenommene John-Coltrane-Hommage Touchin on Trane den Durchbruch bedeutete.

In den letzten Jahren ist Gayle dazu übergegangen, Stücke aus der Jazzgeschichte in sein Repertoire aufzunehmen. Die CD Live at Glenn Miller Café enthält neben einer kraftvoll zerknautschten Version von Coltranes Giant Steps den genussvoll gegen den Strich gebürsteten Tin-Pan-Alley-Schlager Softly As In A Morning Sunrise. Zudem schlüpft Gayle in seinen Performances immer wieder in die Rolle von "Streets, the clown" – eine Erinnerung an seine Zeit als Straßenmusiker. Nun gastiert dieser Unbeugsame mit dem polnisch-deutschen Bass-Schlagzeug-Gespann Ksawery Wójciński/Klaus Kugel erneut in Wien. (felb, DER STANDARD, 4.4.2014)

4.4. Martinschlössl, 18., Martinstr. 18, 20.00

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