Ein Stück Fleisch mit Verfolgungswahn

3. April 2014, 18:23
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Gregor Seberg interagiert in "Hast Angst, Mayer?" mit seinem Publikum

Wien - In seinem neuen Soloprogramm verkörpert Gregor Seberg, der Oberstleutnant Nowak in der Fernsehserie Soko Donau, einen gewissen Mayer, einen "No Name" also. Arbeitslos und geschieden lebt dieser Mayer, ein Verlierer des Turbokapitalismus, in einem alten VW-Campingbus. Er hat panische Angst - und viel, viel zu viel Zeit zum Nachdenken.

Sebergs Figur hat gewisse Ähnlichkeiten mit den gemeingefährlichen Antihelden seines Kollegen Martin Puntigam, ebenfalls in Graz geboren. Und sie steht auch in der Tradition eines Herrn Karl: Sebergs Mayer, ein Heißläufer und erfolgloser Opportunist, macht einem Angst. Er mag die EU nicht, denn seit es die EU gibt, gebe es die Ausländer. Er wählt Strache - und hat eine Mission. Das ist eine gefährliche Mischung.

Zu Beginn betritt Gregor Seberg mit mehreren Stangen Dynamit die Bühne. Er will, sagt der "schasaugerte" Mann mit der Krankenkassabrille, die Menschen aufwecken. Doch die Bombe explodiert nicht. Und so muss Mayer eben reden. Er spricht das Publikum von Anfang an direkt an: "Kennen Sie das Gefühl, nur ein Stück Fleisch zu sein, das die Erde schwerer macht?"

Aus seinen Defekten macht Mayer, der einen veritablen Verfolgungswahn entwickelt hat, kein Hehl. Er befinde sich auf Beobachtungsposten, sagt er: "Ich beobachte zurück!" Mayer hängt sich eine Kamera um und schießt Fotos - scheinbar wahllos. Er macht "Selfies", fotografiert sich zusammen mit Zuschauern, die er anherrscht: "Mach a G'sicht!" Er beleidigt, er kommandiert herum, er gibt Menschen der Lächerlichkeit preis. "Bist du beim Turnen als Letzter gewählt worden?", fragt Seberg zum Beispiel. Das Stimmvieh lässt alles geduldig mit sich machen. Zunächst will kaum einer zugeben, katholisch zu sein - und dann singen die meisten im Chor Großer Gott, wir loben dich. Beweisführung geglückt, könnte man sagen. Bei der Wien-Premiere von Hast Angst, Mayer? in der Kulisse verlor Seberg bis zur Pause ein wenig das Zeitgefühl: Das Interagieren zog sich zu lange hin. Aber der zweite Teil ist äußerst dicht. Und hoch explosiv. Das Lachen bleibt einem im Halse stecken. (Thomas Trenkler, DER STANDARD, 4.4.2014)

Nächste Termine: 13., 18., 19.4.

  • Eine gefährliche Type: Gregor Seberg als Mayer.
    foto: jan frankl

    Eine gefährliche Type: Gregor Seberg als Mayer.

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