Asylwerber kochen: "Man isst die Idee mit"

7. April 2014, 13:40
169 Postings

In einem Markstand des Vereins Purple Sheep am Meidlinger Markt kochen Asylwerber Speisen aus ihrer Heimat

"Eigentlich wollten wir das ganze langsam angehen und haben deswegen gar keine Werbung gemacht", sagt Kurosch Allahyari. Er sitzt im verfliesten Inneren des Marktstandls Purple Eat am Meidlinger Markt und deutet Richtung Schanigarten, wo - nicht nur wegen des schönen Wetters - ein Griss um die Plätze herrscht.

In dem außen lila angemalten Standl kochen und servieren seit rund einem Monat die Bewohner des Freunde Schützen Haus Speisen aus aller Welt. In dem Wohnhaus für Asylwerber, das direkt ums Eck in der Arndtstraße 88 steht, leben derzeit 16 Familien, die von einer Abschiebung bedroht sind. Betrieben wird es vom Verein Purple Sheep, der sich für die Rechte integrierter Asylwerber mit negativen Bescheiden einsetzt - sowohl rechtlich als auch persönlich.

Internationale Küche

Die Idee für das Gastronomieprojekt Purple Eat stand schon länger im Raum, erzählt Allahyari, der Obmann von Purple Sheep. Denn das kulinarische Können der Freunde Schützen Haus-Bewohner wurde bereits durch das hauseigene Catering erprobt. Dieses ist ebenfalls mit Aufträgen eingedeckt.

Im Purple Eat kochen sie nun täglich wechselnde Speisen aus ihren Heimatländern und stoßen damit bei den Gästen auf Begeisterung. "Gerade zu Mittag und am Abend ist ziemlich viel los", sagt Allahyari. Die 28 Sitzplätze in dem Marktlokal sind dann fast immer besetzt. Rund 90 Portionen werden mittlerweile täglich bestellt. Auf dem Plan stehen zum Beispiel gefüllte Paprika aus Mazedonien oder chinesische Teigtaschen. "Das Essen ist fantastisch", sagt Nina Strehlein, die bereits zum zweiten Mal hier isst. Aber auch vom Konzept, dass hier Asylwerber, denen der Zugang zum Arbeitsmarkt verwehrt ist, kochen, ist für sie überzeugend. "Man isst hier halt auch die Idee mit."

Kontakt mit dem Grätzel

Doch nicht nur Beschäftigung ist für die Bewohner des Freunde Schützen Haus wichtig. Durch die Arbeit im Service kommen sie auch in Kontakt mit der Bevölkerung im Grätzel. Alleine trauen sich die Bewohner des Freunde Schützen Haus aus Angst vor der Polizei meist nämlich nicht raus, erzählt Allhyari. Rund  zehn Personen arbeiten ständig ehrenamtlich im Stand. Gekocht wird mit Bio-Produkten, die Unterstützer kostenlos zur Verfügung stellen. Fixpreise werden für die Speisen im Purple Eat nicht verlangt, jedoch wird für das Menü mit Vor- und Nachspeise um eine Mindestspende von sieben Euro gebeten. Das Geld geht an den Verein Purple Sheep, der sich gänzlich durch private Spenden finanziert und sämtliche Mitarbeiter ebenfalls ehrenamtlich tätig sind.

Integration, die durch den Magen geht

Für den Marktstand muss der Verein nur die Betriebskosten zahlen. Er gehört - genau wie das im September 2010 eröffnete Freunde Schützen Haus - dem Immobilientreuhänder Hans Jörg Ulreich. "Am Anfang sind wir davon ausgegangen, dass wir das Haus nur ein paar Monate bekommen", sagt Allahyari. Aus diesen sind mittlerweile fast vier Jahre geworden.

"Das Unternehmen läuft gut und darum möchten wir etwas beitragen. Außerdem bekommt man viel zurück", sagt Tina Ulreich, die Schwester von Hans Jörg Ulreich, die ebenfalls in dessen Unternehmen tätig ist. Das private Anliegen ihres Bruders, anderen zu helfen, sei mittlerweile im Unternehmen verankert. Im Laufe der Zeit sind außerdem immer neue Projekte entstanden, die Ulreich ebenfalls unterstützen wollte. "Einen Marktstand von Purple Sheep fanden wir eine gute Idee, um Integration voranzutreiben", so Ulreich. Denn durch unbekanntes Essen wären die Menschen viel schneller aufgeschlossen für Neues.

Asylpolitische Schlagzeilen

Das Freunde Schützen Haus machte vor rund dreieinhalb Jahren asylpolitische Schlagzeilen: Im Oktober 2010 riss die Fremdenpolizei im Morgengrauen  den  Vater und die zwei damals achtjährigen Töchter Komani aus dem Bett, um sie von der erkrankten Mutter getrennt in den Kosovo auszufliegen. Die Mitarbeiter von Purple Sheep dokumentierten den Vorfall - auch Medien waren anwesend - und erhöhten so den Druck gegen Kindesabschiebungen. Neben den Komanis haben seitdem rund 550 weitere Abschiebegefährdete erfolgreich die Hilfe von Purple Sheep in Anspruch genommen.

Eine von ihnen ist Sofia Ghumashyan aus Georgien. Als sie bei Purple Sheep Hilfe suchte, war sie bereits seit acht Jahren in Österreich und stand mit ihrem Mann und ihrer Tochter knapp vor der Abschiebung. Heute haben sie gültige Papiere und wohnen nicht mehr im Freunde Schützen Haus, aber in einer externen Wohnung, die ebenfalls von Purple Sheep betreut wird. Für Purple Eat bäckt sie nun täglich georgische Süßigkeiten - unter anderem mit Butter-Vanillecreme gefüllte Blätterteigtascherl. "Am Anfang waren es dreißig und heute sind es hundert", sagt Ghumashyan, die gerne als Klavierlehrerin oder Sprachwissenschafterin in Österreich arbeiten würde.

Grundsätzlich gibt es an Purple Sheep von Menschen viel mehr Anfragen als in das Projekt aufgenommen werden können, sagt Allahyari. Um einen Platz im Freunde Schützen Haus zu bekommen, müssen sich die Asylwerber mindestens fünf Jahre in Österreich aufhalten, rechtlich unbescholten sein und Deutsch sprechen. Neben den Familien im Wohnhaus betreut Karin Klaric, Rechtsanwältin von Purple Sheep, derzeit mehr als 300 Fälle. Auch im Purple Eat hilft sie beim Servieren und Kochen mit. "Wir sind alle ziemlich eingespannt. Sogar die Rechtsberatungen finden im Moment des Öfteren im Markstandl statt", sagt Allahyari. (Elisabeth Mittendorfer, derStandard.at, 7.4.2014)


Info:

Montag bis Samstag von 11.00 Uhr bis 21.00 Uhr durchgehend warme Küche

purplesheep.at

  • Das lila Markstandl Purple Eat am Meidlinger Markt.
    foto: andy urban

    Das lila Markstandl Purple Eat am Meidlinger Markt.

  • Um die internationalen Speisen auf die Tische der Gäste zu bekommen ...
    foto: andy urban

    Um die internationalen Speisen auf die Tische der Gäste zu bekommen ...

  • ... haben die Bewohner vom Freunde Schützen Haus alle Hände voll zu tun.
    foto: andy urban

    ... haben die Bewohner vom Freunde Schützen Haus alle Hände voll zu tun.

Share if you care.