53 Messerstiche zum Schutz des Islam

15. April 2014, 05:30
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Bangladesch: Der Blogger Asif Mohiuddin wurde wegen Kritik an der Religion brutal attackiert. Wenig später sah er seine Angreifer im Gefängnis wieder

Nachts holt ihn der 15. Jänner 2013 immer wieder ein - jener Tag, an dem Asif Mohiuddin mit 53 Messerstichen lebensgefährlich verletzt wurde. "Die Attacke war brutal, von hinten und im Dunkeln", sagt der 30-jährige Blogger im Gespräch mit derStandard.at. Physisch hat er den Anschlag gut überstanden, nur im Nacken schmerzt es noch gelegentlich. Psychisch hingegen hinterließ der Vorfall deutlichere Spuren. In Alpträumen kehren die drei Angreifer regelmäßig zurück und verscheuchen den Schlaf. Sie sind hartnäckig, die Islamisten in Bangladesch - und reagieren äußerst empfindlich auf Kritik.

Seit Jahren setzt sich Asif Mohiuddin für Menschenrechte ein; er kritisiert den Mangel an Bildung, fehlende Frauenrechte, die Diskriminierung Homosexueller, er pocht auf Meinungsfreiheit und lehnt als bekennender Atheist religiösen Fundamentalismus zutiefst ab. Als Belohnung für dieses Engagement wurde sein Blog - einer der meistgelesenen im Land - mehrmals ausgezeichnet, unter anderem 2012 bei den international renommierten Best-of-the-Blogs-Awards (BOBs) der Deutschen Welle. Diesen Preis und relative Berühmtheit erlangte er durch sein Engagement gegen eine drastische Erhöhung der Studiengebühren an der Jagannath-Universität in Dhaka, die de facto zu einem Ausschluss der ärmeren Bangladescher führte. Die Behörden reagierten, sperrten ihn für 18 Stunden ein und rieten ihm, Kritik an staatlichen Maßnahmen zu unterlassen. Er hielt sich nicht daran.

Trotz eines Attentats will Asif Mohiuddin auch in Zukunft den Islam kritisieren. (Foto: privat)

Der Staat ist allerdings nicht Mohiuddins größter Feind. Der stammt aus dem radikalen islamistischen Eck Bangladeschs und schreckt vor Gewalt nicht zurück. 2007 wollten ihm islamistische Studenten die Pulsadern aufschneiden, Freunde kamen noch rechtzeitig zu Hilfe. Zwei Jahre später versuchten ihn Unbekannte in ein Auto zu zerren, die Mohiuddin aber alleine vertreiben konnte. Es ist die Antwort auf seine permanente Kritik am Islam, genauso wie die zahlreichen Morddrohungen, die ihn via Mail oder Facebook erreichen.

Nun stellt sich die Frage nach dem Warum. Warum bringt sich jemand wie Asif Mohiuddin in Lebensgefahr, indem er die islamistischen Auswüchse in Bangladesch kritisiert? Er wünscht sich ein säkulares Bangladesch, in dem jeder vor dem Gesetz gleich ist und Frauen sowie Homosexuelle die gleichen Rechte haben wie alle anderen. Mit einem Beispiel bringt Mohiuddin seine Motivation auf den Punkt. Vor zwei Jahren las er einen Artikel über ein 14-jähriges bangladeschisches Mädchen. Seit zwei Jahren verheiratet, wurde es von einem anderen Mann vergewaltigt. Prompt folgte die Strafe - und zwar für das Mädchen. Laut Scharia handelt es sich hier um außerehelichen Geschlechtsverkehr, der in diesem Fall mit 100 Stockhieben bestraft wurde. Nach etwa 70 Schlägen wurde das Mädchen bewusstlos und in ein Krankenhaus gebracht. Wenige Tage später starb es, im Namen der Scharia, die in Bangladesch eigentlich kein geltendes Recht ist.

Mai 2013: Islamisten jagen Polizisten durch die Straßen von Narayanganj, einer Stadt in Bangladesch. (Foto: Reuters)

Einem ähnlichen tödlichen Schicksal entkam Mohiuddin am 15. Jänner 2013 nur knapp. 53 Messerstiche in den Rücken, die Schultern und die Brust überlebt man nur mit sehr viel Glück. Zwei dieser Hiebe verfehlten sein Rückenmark knapp, ansonsten wäre er nun querschnittgelähmt. Noch mehr Glück. "Erst schlugen sie mir mit einem Hammer auf den Kopf. Ich fühlte einen unerträglichen Schmerz, der mich ins Wanken brachte. Dann stachen sie von hinten mit Messern auf mich ein. Ich war blutüberströmt und fragte mich, ob ich das überleben würde", beschrieb Mohiuddin die Attacke in seinem Blog. Die drei Angreifer hatten ihn zuvor fast ein halbes Jahr lang beschattet. Wieso er das weiß? Weil seine Attentäter ihm das im Gefängnis persönlich verrieten. Das und deren Pläne, ihm wieder nach dem Leben zu trachten.

Um diese seltsame Zusammenkunft von Opfer und Tätern zu erklären, bedarf es einiger weiterer Informationen. Auch wenn sich rund 90 Prozent der Bevölkerung in Bangladesch zum Islam bekennt, definiert sich das Land seit der Lossagung von Pakistan 1972 als säkularer Staat. Auf politischer Ebene spielen islamistische Parteien nur eine sehr kleine Rolle. Dies hindert deren Anhänger aber nicht daran, islamkritische Personen zu bedrohen. Im blutigen Unabhängigkeitskrieg gegen Pakistan 1971 kamen nach Schätzungen bis zu drei Millionen Menschen ums Leben. Die Regierung in Dhaka macht dafür islamistische Milizen in Bangladesch mitverantwortlich, die im Auftrag Pakistans gegen die Loslösung von Islamabad kämpften. Die wurden aber nie zur Rechenschaft gezogen.

Ghulam Azam, ehemaliger Chef der Islamistenpartei Jamaat-e-Islami, wurde im Juli 2013 wegen Verbrechen während des Unabhängigkeitskrieges zu 90 Jahren Gefängnis verurteilt. (Foto: AP/Shawkat Khan)

Im vergangenen Jahr begann Bangladesch damit, dieses Versäumnis nachzuholen; ein Kriegsverbrechertribunal führte zahlreiche Prozesse durch. Viele der Angeklagten sind hochrangige Funktionäre von Jamaat-e-Islami, der stärksten islamistischen Partei, die damals zwei Sitze im Parlament innehatte. Während die Partei das Sondergericht als politisch motiviert kritisierte und mit einem landesweiten Streik drohte, formierte sich eine Gegenbewegung, die auf dem Shahbag-Platz in Dhaka und in sozialen Netzwerken Gerechtigkeit für die Opfer des Krieges forderte. Unter Gerechtigkeit verstand die sogenannte Shahbag-Bewegung die Todesstrafe. "Ich unterstütze nicht die Todesstrafe, mir wäre es am liebsten, wenn Bangladesch sie abschaffen würde. Aber solange es sie gibt und solange arme Leute so verurteilt werden, fordere ich sie auch für die Islamisten", rechtfertigt sich Mohiuddin, der der Shahbag-Bewegung damals angehörte. Mittlerweile ist er aber ausgetreten, da die Mehrheit der Bewegung die strikte Trennung von Staat und Religion nicht ins Statut aufnehmen wollte.

Als Reaktion auf die Shabag-Bewegung ging die radikalislamistische Organisation Hifazat-e-Islam auf die Straßen und zündete unter anderem die Zentrale der Regierungspartei an. Mit der Polizei lieferten sich die Islamisten Straßenschlachten mit Hunderten Todesopfern und forderten ein schärferes Blasphemiegesetz sowie strengere Geschlechtertrennung. Hinter Hifazat-e-Islam wird die finanzkräftige Jamaat-e-Islami vermutet, Experten sahen diese Proteste als Antwort auf die Shabag-Bewegung. Die Islamisten erstellten auch eine sogenannte Todesliste von Shahbag-Aktivisten, die hingerichtet werden sollten. Darauf befand sich auch Mohiuddins Name, da der erste Versuch ja fehlschlug. Mehr Erfolg hatten die Islamisten beim Blogger Ahmed Rajib Haider, der Mitte Februar mit einem Messer zerhackt wurde. Seine verstümmelte Leiche konnte anfangs gar nicht identifiziert werden.

Februar 2013: Mehr als 100.000 Menschen nehmen am Begräbnis des ermordeten Bloggers Ahmed Rajib Haider teil. (Foto: Reuters/Andrew Biraj)

Die Regierung reagierte auf diese Gewalttaten, aber anders als erwartet. Anstatt den Schutz von Mohiuddin und seinen Kollegen zu verstärken, wurde ein neunköpfiges Komitee eingesetzt, das islamkritische Internet-User identifizieren sollte. Damit wolle man die Gewalt eindämmen, hieß es. Auf der daraus resultierenden Liste der Islamkritiker war auch Mohiuddin aufgeführt. Die Folgen: Sein Blog wurde gesperrt, und am 3. April 2013 nahm ihn die Polizei wegen "anti-religiöser Kommentare" in Untersuchungshaft. Dort musste er drei Monate lang bleiben, und dort sah er auch seine Angreifer wieder.

"Es sei ihre Pflicht, den Islam zu beschützen. Und da ich den Islam kritisiert habe, mussten sie das tun." Dies war die Begründung für die 53 Messerstiche, wie die Angreifer gegenüber Mohiuddin erklärten. "Und wenn sie rauskommen, werden sie es wieder tun." Auf die Angreifer selbst hegt Mohiuddin allerdings keinen Groll: "Es sind junge Leute, die nur Befehle ausführen." Die Drahtzieher, so vermutet er, gehören Jamaat-e-Islami an, und die seien schon längst nach Indien geflüchtet.

April 2013: Mitglieder von Hifazat-e-Islam demonstrieren in Dhaka für ein schärferes Blasphemiegesetz. (Foto: Reuters/Andrew Biraj)

Nach rund drei Monaten wurde Mohiuddins Antrag auf Entlassung auf Kaution stattgegeben, aus Sicherheitsgründen bewegte er sich aber kaum in der Öffentlichkeit. Im März 2014 flog er auf Einladung der Hamburger Stiftung für politisch Verfolgte, von Amnesty International und Reporter ohne Grenzen nach Deutschland. Dort kann er nun ein Jahr bleiben, um sich zu erholen und ohne Angst vor dem nächsten Attentat arbeiten zu können. "Ich schreibe weiter, und ich kritisiere weiter die Islamisten. Vor ein paar Tagen wurden wieder jugendliche Blogger in Bangladesch wegen angeblicher Blasphemie festgenommen. Es gibt also genug zu kritisieren", beschreibt Mohiuddin seine Pläne für den Auslandsaufenthalt.

Seine Familie und seine Freunde sind sehr froh, dass Mohiuddin diese Einladung angenommen hat. "Sie hatten Angst um mich, gleichzeitig waren sie auch sehr wütend, weil ich das Schreiben nicht gelassen habe." Anstatt ständig Kritik zu üben, wünschen sie sich, dass er einen guten und vor allem sicheren Job findet, heiratet und eine Familie gründet. Davon will Mohiuddin aber nichts wissen, wenn er nach seinem Auslandsaufenthalt nach Bangladesch zurückkehren wird: "Wir haben vieles begonnen, das weitergeführt werden muss. Die Situation mit den Islamisten wird immer schlimmer. Das größte Problem sind die Madrasas, die islamistischen Schulen. Sie werden privat finanziert und sind weit verbreitet. Vor allem arme Familien schicken ihre Kinder dorthin. Da werden sie gefügig gemacht und stärken so den Einfluss der religiösen Führer."

Im nächsten Jahr will Asif Mohiuddin nach Bangladesch zurückkehren. Dort drohen ihm mindestens sieben Jahre Gefängnis. (Foto: privat)

Auf ihn selbst wartet bei seiner Rückkehr die Gefahr, im Fall einer Verurteilung wegen Blasphemie und Rufschädigung der Regierung zu mindestens sieben Jahren Gefängnis verurteilt zu werden. Doch das schreckt Mohiuddin nicht ab: "Die Vorwürfe sind frei erfunden. Ein Beispiel: Ich soll angekündigt haben, Bangladesch in ein homosexuelles Land zu verwandeln. Geschrieben habe ich aber, dass Homosexuelle die gleichen Rechte wie alle anderen Menschen haben sollen." Zwar ist ihm bewusst, dass die Islamisten Druck auf die Justiz ausüben können, "aber dann werde ich halt wieder dagegen ankämpfen". Bis dahin wird Asif Mohiuddin in Hamburg psychiatrische Hilfe aufsuchen. Damit ihn die Islamisten wenigstens im Traum in Ruhe lassen. (Kim Son Hoang, derStandard.at, 15.4.2014)

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