EZB lässt die Märkte rätseln

3. April 2014, 17:30
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Trotz wachsender Deflationssorgen nimmt die EZB von einer weiteren Lockerung der Geldpolitik vorerst Abstand

Brüssel/Frankfurt - Mario Draghi wird langsam zum Orakel. Die Marktteilnehmer sind immer stärker auf Interpretationen der Äußerungen des Chefs der Europäischen Zentralbank angewiesen. Die EZB hat am Donnerstag die Zinsen unverändert gelassen und auch sonst keine unkonventionellen Maßnahmen nach US- oder japanischem Muster ergriffen. Die Wortwahl Draghis wurde von einigen Experten so aufgefasst, dass der Italiener der rückläufigen Inflation nicht mehr allzu lange tatenlos zusehen wird.

"Draghi hat dieses Mal - deutlicher als nach dem letzten Zinsentscheid - eine weitere Lockerung der Geldpolitik ins Spiel gebracht. Das zeigt allein die Tatsache, dass über unkonventionelle Maßnahmen diskutiert wurde", erklärte Rainer Sartoris, Volkswirt bei HSBC Trinkaus.

In diese Kerbe schlug auch Michael Schubert von der Commerzbank. Der wesentliche Unterschied zu früheren Pressekonferenzen sei, dass Draghi verbal viel stärker interveniert habe. "Er hat wiederholt betont, dass man notfalls sehr schnell handeln werde", betonte der Experte.

Andere Beobachter sehen das anders. Draghis Einschätzung der konjunkturellen Lage zeige verhaltenen Optimismus, weshalb die Aussagen per saldo nicht als Signal für unmittelbar bevorstehende Aktivitäten der EZB gesehen werden, argumentierte Ralf Umlauf von der Helaba. Die Position der Zentralbank war wegen der gesunkenen Inflation - im März lag sie in der Eurozone nur noch bei 0,5 Prozent - in den Fokus geraten. Die Kritik an der Geldpolitik hat deshalb zugenommen, auch der Währungsfonds hat sich für Schritte der EZB ausgesprochen. Das scheint bei Draghi nicht gut angekommen zu sein.

Die Haltung der EZB unterscheide sich von jener des Fonds, erklärte er. Nachsatz: "Ganz ehrlich, ich wäre dem IWF dankbar, wenn er auch andere geldpolitische Einrichtungen ähnlich großzügig berät und sich zum Beispiel vor einem Treffen der US-Notenbank Fed äußert."

Die OECD warnte am Donnerstag, dass die EZB im Falle einer Zunahme deflationärer Risiken mit zusätzlichen unkonventionellen Maßnahmen gegensteuern müsse. Gleichzeitig rät sie zu einer Straffung bei einem Aufschwung und bringt zudem das Szenario drohender Preisblasen ins Spiel. Zur Wirtschaftspolitik in der Eurozone meint die Industriestaatenorganisation, der Sparkurs könne gelockert werden, um die schwache Konjunktur zu lockern. Insbesondere solle die aktive Arbeitsmarktpolitik forciert werden. Der Abbau von Stellen im öffentlichen Dienst sei nur zu empfehlen, wenn damit Effizienzsteigerungen in der Verwaltung verbunden seien. Potenzial für Einnahmensteigerungen sieht die Pariser Organisation in der Streichung von Steuervergünstigungen - insbesondere für Besserverdiener. (as; Reuters, DER STANDARD, 4.4.2014)

 

  • Mario Draghi
    foto: apa/frank rumpenhorst

    Mario Draghi

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