Schweizer Schriftsteller Urs Widmer gestorben

3. April 2014, 16:07
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Erlag 76-jährig schwerer Krankheit

Zürich - "Wo nicht getrauert wird, lebt die Vergangenheit nicht", schrieb der 1938 in Basel geborene Urs Widmer in einem Essay. Und: "Schreiben braucht ein Minimum an Zukunft." Es sind solche für diesen Autor typische Sätze, von denen einer seiner Kollegen sagte: "Urs Widmer schreibt Sätze, an die ich gerne denke. Sie haben einen Reiz, der an den Reiz von Kindersätzen erinnert." Diese Anziehungskraft hat mit Wahrhaftigkeit zu tun, und mit dem unbestechlich-sanften Blick, den Widmer auf der Welt und den Menschen ruhen ließ. Trotz allem, denn in seinen essayistischen Texten (empfehlenswert die Grazer Poetikvorlesung Die sechste Puppe im Bauch der fünften Puppe ..., Droschl) hat Widmer nie den geringsten Zweifel daran gelassen, dass Literatur mit jenem "eiskalten Ungeheuer" namens Wirklichkeit zu tun hat, dem es Schönheit entgegenzuhalten gilt.

In Das Normale und die Sehnsucht (1972) stellt Widmer einer grauen Bürohölle das Blau des Himmels über einer Bergspitze entgegen: "Es wäre warm, und da, wo das Grau in das Blau überginge, würden die schroffen Felsschründe in den Himmel ragen. (...) Was für eine Luft wehte! Welch ein Licht schiene!" Überhaupt ist es das Licht, immer wieder das Licht, das die Bücher dieses Autors durchflutet.

Eine gewaltige Sonne

In der Erzählung Liebesnacht (1982) kommt ein Mann aus dem Nichts in eine Runde von Leuten, die sich eine Nacht lang über die erste Liebe unterhalten - und über die letzte. Es wird Tag, der Mann nimmt Abschied, um davonzugehen, "in eine gewaltige Sonne" hinein. Und auch durch eine von Widmers bekanntesten Erzählungen zieht sich der Lichtschimmer eines blauen Siphons. Nachdem der Autor schon in seinem Roman Das enge Land (1981) zivilisationskritische Töne anschlug, nahm er in Die gestohlene Schöpfung (1984) das Thema Börsenspekulation auf. Sein erfolgreiches Theaterstück Top Dogs (1996) über Firmenumstrukturierungen spielte dann im Managermilieu. Kurz darauf gelang ihm mit Romanen wie Der Geliebte der Mutter (2000) und Das Buch des Vaters (2004) der große Durchbruch.

Widmer, der 17 Jahre lang in Frankfurt am Main lebte, wo er kurze Zeit als Lektor bei Suhrkamp arbeitete, unterhielt enge Verbindungen zu Österreich, Wien und vor allem zu Graz. Dort las er 1968 aus seinem allerersten Manuskript Alois. Es war ein denkwürdiger Auftritt, der, wie Widmer in der Poetikvorlesung schildert, im Wirtshaus endete: "Später saßen wir in tiefen Gewölben und tranken viel Wein, und noch später, als ich aufbrechen wollte und in der Küche meine Reisetasche suchte, kriegte ich von der Wirtin eine Ohrfeige. Spätestens dann dachte ich, hier bin ich daheim."

Aufhalten ließ sich Widmer von derlei Kalamitäten nicht. "Sie klingelte, wo andere bremsten" heißt es über eine seiner Hauptfiguren, die mit dem Fahrrad eine abfallende Straße hinunterdonnert. Literatur, so Widmer, müsse utopische Qualitäten haben: Es gelte daran zu erinnern, "dass die Welt einmal schön war." Urs Widmer starb am 2. April nach schwerer Krankheit 76-jährig in Zürich. Er hinterlässt eine Tochter und seine Frau May, mit der er mehr als 50 Jahre zusammen war. (Stefan Gmünder, DER STANDARD, 4.4.2014)

  • Daran erinnern, dass die Welt schön ist: Urs Widmer.
    foto: apa/keystone/ayse yavas

    Daran erinnern, dass die Welt schön ist: Urs Widmer.

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