Stück "Allerwelt": "Wer nach seinen Wurzeln fragt, begreift sich als Gemüse"

Rezension3. April 2014, 05:30
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Das Theaterstück widmet sich Brüchen in Biografien und der Suche nach dem Ich

Seit 1956 nun siedeln in Wien schon Flüchtlinge aus aller Welt auf einem alten Gelände einer k.u.k. Kaserne in Wien Simmering. "Macondo" nennt sich dieser Ort, an dem heute fast 3000 Menschen aus mehr als 20 Ländern leben – und genau hier spielt Philipp Weiss’ Flüchtlingssaga "Allerwelt".

"Entschuldigen Sie, ich bin fremd hier!"

Wir folgen Mila Katz (Nicola Kirsch), einem (unnötig naiv und kindlich inszenierten) Waisenkind, dessen Suche nach ihren Eltern sie nach Macondo führt. Hier trifft sie auf allerlei Schicksale, Geschichten und insbesondere Widrigkeiten im Flüchlingsleben. Auch mit Wendepunkten der eurasischen Geschichte kommt sie in Kontakt.

Malalai, die afghanische Ärztin und Fatima, die zweifache alleinerziehende Mutter aus Somalia liefern fiebrig-mitreißende Berichte, bei denen sowohl Schauspielerinnen als auch Publikum die Luft wegbleibt. Guillermo (Florian von Manteuffel), der unter Pinochet gefoltert wurde, hat wohl den beeindruckendsten und grandios gedolmetschten Monolog des Stücks; der junge Iraker Naseer (Gideon Maoz) ist mit seinem konstant amüsanten und melodischen Sprachenmix wohl die dankbarste Rolle.

"Sie sind in einer Statistik der UNHCR, seien Sie beruhigt."

Weiss' Humor zwickt und juckt bei der Schilderung der ewigen Frage nach der eigenen Herkunft: "Besonders sticht die Darstellung der türkischen Transsexuellen Yasar (Simon Zagermann) hervor: Feinfühlig und ernst widmet sich Weiss hier ihrer Ausnahmesituation und schildert die zu den üblichen Flüchtlinge erwartenden Schikanen dazukommenden Schwierigkeiten, die Transsexuelle bei Behördengängen etwa erwarten. "Erzählen Sie, das Erzählen ist wichtig für ihre Gesundheit", heißt der Beamte Yasar an. Endlich ist Transsexualität nicht nur die Pointe eines dummen Witzes, sondern ein (Gesprächs-)Thema, ein Leben.

Eine ewig bürokratisch-feindselig lauernde Welt findet in Philipp Weiss’ Text – insbesondere etwa im lamentierenden Gestus – ihre sprachliche Entsprechung. Komödie und Tragödie laufen hier wörtlich um die Wette, sodass einem das Grübeln im Lachen steckenbleibt. Das rotierende Bühnenbild Janina Audicks als Metapher fürs Innen und Außen sowie die teilweise märchenhafte Inszenierung Pedro Martins Bejas zieht die Zusehenden auf (die Folter) und in ihren Bann. Unverzeihlich jedoch, dass ein Stück über Flüchtlinge, Migration und Identität ausnahmslos mit weißen SchauspielerInnen (ohne Migrationserfahrung) besetzt wurde. Eine entgangene Gelegenheit, sich dem Thema Flucht nicht nur exotisierend-voyeuristisch zu widmen: Practise what you preach. (Olja Alvir, daStandard.at, 3.4.2014)

"Allerwelt" von Philipp Weiss, inszeniert von Pedro Martins Beja

Schauspielhaus Wien, Porzellangasse 19

Termine: 4.4.2014, 15.4.2014, 16.4.2014

  • Das Flüchtlingssaga "Allerwelt" spielt in Wien Simmering.
    foto: olja alvir

    Das Flüchtlingssaga "Allerwelt" spielt in Wien Simmering.

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