Klimaentwicklung von Nord- und Südhalbkugel war zumeist unterschiedlich

5. April 2014, 18:00
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"Kleine Eiszeit" und gegenwärtige Erwärmung in beiden Hemisphären abzulesen - das ist aber eher Ausnahme als Regel

Bern - Zur Prognose der Klimaentwicklung und der Berechnung des menschlichen Einflusses auf das Weltklima werden Daten aus zumindest mehreren Jahrzehnten, besser aber noch aus Jahrhunderten benötigt. Allerdings basieren solche langfristigen Berechnungen derzeit noch weitgehend auf Daten der Nordhalbkugel, wie die Universität Bern berichtet.

Die Studie

Ein internationales Forscherteam um Raphael Neukom vom Oeschger Zentrum für Klimaforschung der Uni Bern hat sich in den vergangenen Jahren daran gemacht, diese Einseitigkeit zu beheben. Am Projekt waren Klima-Experten aus Australien, Antarktisforscher sowie Datenspezialisten und Klima-Modellierer aus Süd- und Nordamerika und Europa beteiligt. Dabei wurden Klimadaten von über 300 verschiedenen Orten zusammengetragen - verteilt auf die Ozeane und auf alle Kontinente der Südhalbkugel.

Die Informationen über Temperaturänderungen sind in natürlichen Klimaarchiven wie Baumringen, Korallen, Eisbohrkernen, See- und Meeressedimenten oder  Tropfsteinen, aber auch in historischen Dokumenten aus verschiedenen Kulturen gespeichert. Aus diesen Proben und Dokumenten wurden mit verschiedenen Methoden die Jahresmittelwerte der Temperaturen über die letzten 1.000 Jahre hinweg bestimmt. In 99,7 Prozent dieser neuen Berechnungen von der Südhemisphäre fiel das wärmste Jahrzehnt der letzten 1.000 Jahre in die Zeit nach 1970. 

Mittelalterliche Warmzeit war ein regionales Phänomen

Damit war zu rechnen - zugleich zeigte die im Fachjournal "Nature Climate Change" publizierte Studie aber auch größere Unterschiede zwischen den beiden Hemisphären als bisher angenommen. Ganze zwei Mal im gesamten letzten Jahrtausend zeigten beide Halbkugeln gleichzeitig extreme Temperaturen. Zum einen betraf dies die globale Kälteperiode im 17. Jahrhundert. Und zum anderen die gegenwärtige Erwärmungsphase, welche sich in globalen ununterbrochenen Wärmeextremen seit den 1970er Jahren manifestiert.

"Die 'Mittelalterliche Wärmeperiode', wie sie in europäischen Überlieferungen vorkommt, war ein regionales Phänomen", betont Neukom. "Zur gleichen Zeit waren die Temperaturen in der Südhemisphäre nur durchschnittlich". Immer wieder gab es im letzten Jahrtausend Perioden, in denen sich die eine Halbkugel erwärmte, während sich die andere in einer Abkühlung befand.

Unberechenbare Südhalbkugel

Die Forscher führen diese großen Unterschiede auf die sogenannte "interne Variabilität" zurück, die Summe all der chaotischen Wechselwirkungen innerhalb des Klimasystems, welche dazu führen, dass die Temperaturen immer wieder in die eine oder andere Richtung schwanken. Dabei sind die regionalen Unterschiede offenbar größer als bisher angenommen. Die Weltmeere sind die Hauptmotoren der internen Variabilität, deshalb bewegen sich die Temperaturen auf der ozean-dominierten Südhemisphäre losgelöster von äußeren Einflüssen wie Sonneeinstrahlung, Vulkanausbrüchen oder Treibhausgasausstoß. Die großen Landmassen der Nordhemisphäre reagieren darauf schneller.

Der Vergleich der Temperatur-Rekonstruktionen mit 24 verschiedenen Simulationen von Klimamodellen zeigte, dass die meisten Klimamodelle nicht in der Lage sind, die beträchtlichen Unterschiede zwischen den Halbkugeln befriedigend zu simulieren. "Dies ist von großer Bedeutung", sagt Neukom. "Regionale Unterschiede in der zukünftigen Temperaturentwicklung könnten also größer sein, als es die gegenwärtigen Modelle vorhersagen." (red, derStandard.at, 5. 4. 2014)

  • Natürliche Klimaarchive wie dieses Korallenriff in der Nähe von West-Australien haben Daten geliefert, die in eine neue Studie eingeflossen sind.
    foto: eric matson, australian institute of marine science

    Natürliche Klimaarchive wie dieses Korallenriff in der Nähe von West-Australien haben Daten geliefert, die in eine neue Studie eingeflossen sind.

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