Schächte des Geistes, Minengänge des Gefühls

2. April 2014, 17:28
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Eine beeindruckende Ausstellung im Wiener Theatermuseum widmet sich Stefan Zweigs Exiljahren. Erstmals wird die Handschriftensammlung des Autors öffentlich gezeigt

Wien - "Die Beamten fanden einen Mann, auf dem Rücken liegend, völlig angekleidet. (...) Dieser Tote war der Schriftsteller Stefan Zweig, Österreicher von Geburt, vor wenigen Monaten Engländer geworden, 60 Jahre alt", vermerkt das Polizeiprotokoll der brasilianischen Stadt Petropolis, wo Stefan Zweig am 23. Februar 1942 mit seiner Gattin Elisabeth Charlotte freiwillig aus dem Leben geschieden ist.

Die beiden hatten, so die Akte weiter, Veronal genommen und "mit einer Reinlichkeit ohnegleichen" die Welt verlassen. "Die Abschiedsbriefe waren frankiert, ein Schriftstück für das Stadtoberhaupt von Petropolis sprach den Dank für die Gastfreundschaft aus. In der Nähe befand sich ein Kuvert mit der Aufschrift ,Verfügung meinen Hund betreffend'."

Ein ganz anderer Mut

Nachdem er "als Österreicher, als Jude, als Schriftsteller, als Humanist und Pazifist" jeweils dort gestanden war, wo die historischen Erdstöße sich am heftigsten auswirkten, fand Zweig, zumal ihm diese Beben dreimal "Haus und Existenz" umwarfen, nicht mehr die Kraft, weiterzugehen. Auch weil die Nachrichten von den Kriegsfronten schlecht waren. Einen Tag vor seinem Freitod hatte er noch ein Manuskript zur Post getragen, das bis heute zu seinen meistgelesenen Texten gehört: Die Schachnovelle. Sie bildet mit dem ebenfalls im Exil entstandenen Erinnerungsband Die Welt von gestern den Rahmen der Ausstellung "Wir brauchen einen ganz anderen Mut! Stefan Zweig - Abschied von Europa".

Dass diese Ausstellung im Wiener Theatermuseum stattfindet, mag überraschen. Doch erweist sich die umfassende Auseinandersetzung mit der heute zunehmend in Vergessenheit geratenen, einst sehr erfolgreichen Theaterarbeit Zweigs - etwa dem Drama Jeremias oder der Komödie Volpone (nach dem Shakespeare-Zeitgenossen Ben Jonson) - als anregend. So viel zur Ausstellungspflicht. Und die Kür? Sie besteht aus der noch nie gezeigten Handschriftensammlung, die Zweig Ende 1937 der Vorgängerin des Theatermuseums, der Theatersammlung der Nationalbibliothek, vermachte. Es handelt sich um Werkschriften, also Korrekturexemplare, Fahnen und Entwürfe. Briefe interessierten den Autografensammler Zweig nicht, ihm ging es um jenen geheimnisvollen Moment der Schöpfung, von dem die mit Verbesserungen, Streichungen, Ergänzungen übersäten Handschriften zeugen.

Augen der Seele bedürfe es laut Zweig, um die Schönheit der Autografen zu verstehen. Die winzige, verschnörkelte Handschrift Joseph Roths zum Beispiel oder die raumgreifend auf die Seite geworfenen Worte Schnitzlers, oder die Buchstaben Kafkas (er ist mit einem Blatt aus Amerika vertreten), die sich kaum entscheiden können, in welche Richtung sie laufen möchten. Sinnlich auch die Inszenierung der Ausstellungsräume (Konzept: Klemens Renoldner; Gestaltung: Peter Karlhuber). Wähnt man sich zunächst im Foyer eines Grandhotels, ist der Raum mit den Autografen mit gepackten Kisten gefüllt, die Bilder sind von der Wand genommen, die Teppiche eingerollt. Schwarze Gestapo-Ledermäntel dann im dritten, der Schachnovelle gewidmeten Raum dieser beeindruckenden Ausstellung. In seinem Zentrum steht ein großes Modell des Hotels Métropole am Franz-Josephs-Kai, das im Krieg arisiert und zur Gestapo-Leitstelle wurde, in der Zweigs Dr. B. in der Schachnovelle verhört wird.

Die Schenkung der Handschriften, Zweig war 1937 aus London angereist, um sie abzuwickeln, war auch ein endgültiger Abschied von Österreich, das den Autor in seinen letzten Werken so sehr beschäftigen sollte. 1925 hatte er im Essay Die Monotonisierung der Welt geschrieben: "Flucht, Flucht in uns selbst. Man kann nicht das Individuelle in der Welt retten, man kann nur das Individuum verteidigen in sich selbst. Des geistigen Menschen höchste Leistung ist immer Freiheit, Freiheit von den Menschen, von den Meinungen, von den Dingen, Freiheit zu sich selbst." Bis 12. 1. 15

Die Ausstellung wird von einem umfangreichen Rahmenprogramm begleitet. U. a. mit Diskussionen in Kooperation mit dem Standard und Lesungen (Michael Heltau, Regina Fritsch, Joachim Bissmeier, Klaus Maria Brandauer). (Stefan Gmünder, DER STANDARD, 3.4.2014)

  • Stefan Zweig 1915/16 im Wiener Kriegsarchiv. Das Bild stammt aus dem die Ausstellung kompetent begleitenden Band: "Stefan Zweig. Abschied von Europa" (Hg. Klemens Renoldner), Brandstätter-Verlag.
    foto: stefan zweig centre

    Stefan Zweig 1915/16 im Wiener Kriegsarchiv. Das Bild stammt aus dem die Ausstellung kompetent begleitenden Band: "Stefan Zweig. Abschied von Europa" (Hg. Klemens Renoldner), Brandstätter-Verlag.

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