Angstmache vor Güterzügen am Bodensee

2. April 2014, 18:16
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Bahnexperten widersprechen Prognosen einer Bürgerinitiative

Bregenz - Die Bregenzer Bürgergenossenschaft "mehramsee" prognostiziert für die Bahntrasse am Bodensee stark steigenden Güterverkehr. Ziel der Politik sei, 40 Prozent des Straßengütertransports auf die Schiene zu verlagern. Würde das umgesetzt, wären 164 Güterzüge pro Tag auf der Seeufertrasse unterwegs, rechnet Obmann Pius Schlachter. Bei realistischeren 20 Prozent Verlagerung wären es noch 62 Güterzüge.

Basis der Prognose sind jährlich zwei Millionen Lkw-Fahrten zwischen Vorarlberg, der Schweiz und Deutschland. Mit dieser Rechnung untermauert die Bürgerinitiative ihre Forderung nach einem Bahntunnel.

Für Eisenbahnexperten ist die Rechnung unrealistisch. Maximal zehn Güterzüge pro Tag prognostiziert die ÖBB bis 2040 auf der Strecke zwischen Bregenz und Deutschland. Aktuell frequentieren täglich 85 Züge die Seetrasse, zwei davon sind Güterzüge. Laut ÖBB ist die Strecke eine Nahverkehrsstrecke, ausgebaut würde mittelfristig der internationale Personenverkehr zwischen München und Zürich, die Elektrifizierung der deutschen Trasse vorausgesetzt. Für Manfred Bartl, den Masterplaner der ÖBB-Infrastruktur Betrieb AG, stimmt die Prognose der Initiative nicht, weil von den zwei Millionen Lkw-Fahrten 60 Prozent auf den Lokalverkehr entfallen. Für diese Kurzstrecken sei die ÖBB nicht konkurrenzfähig. Man konzentriere sich auf schwere Güter und Langstrecken.

Prüfung der Tunnelvariante

Die Strecke Bregenz-Deutschland sei als Teil der internationalen Bahngüterverkehrsachsen vorgesehen, argumentiert die Bürgerinitiative. Die Schweizer Neue Eisenbahn-Alpen-Transversale (NEAT) brauche Zubringer für den neuen Gotthardtunnel. Christian Ginsig, Konzernsprecher der SBB winkt ab: "Die Strecke bei Bregenz ist sicher kein NEAT-Zubringer. Die NEAT-Verkehre werden über Basel laufen."

Für die künftige Entwicklung des Güterverkehrs am Bodensee spielten die angrenzenden Bahnstrecken der Deutschen Bahn AG eine wesentliche Rolle, sagt Markus Rabanser vom Verein Pro Bahn. Diese Kapazitäten reichten bei den drei weiterführenden Strecken nicht aus: Sie sind meist eingleisig, heute schon durch Nahverkehr überlastet, teilweise nicht elektrifiziert. Eine Steigerung auf 62 Güterzüge pro Tag sei vollkommen unrealistisch.

Stadt Bregenz, Land Vorarlberg und ÖBB lassen nun die Tunnelvariante prüfen. Eine Machbarkeitsstudie soll Aufschluss über technische Herausforderungen und Kosten geben. (jub, DER STANDARD, 3.4.2014)

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