Der Körper als Improvisationsvorlage

2. April 2014, 18:14
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Aki Takase eröffnet mit Yui Kawaguchi am Freitag das Osterfestival Tirol

Wien - Ihre Musik war schon bisher zuweilen mit tänzerischem Esprit aufgeladen: Dass etwa im Stück Tintenfisch in Wien Walzer-Anspielungen an die Oberfläche drangen, überraschte weniger als die 3/4-Takt-Exkurse im Rahmen von My Tokyo, einer Hommage an ihre Heimatstadt. Dass Aki Takase seit einigen Jahren mit der Tänzerin Yui Kawaguchi - der auch in Berlin wahlbeheimateten Landsfrau - auftritt, bedeutet indes auch in anderer Hinsicht eine Fortschreibung bisheriger Arbeit: Ist die 66-jährige Pianistin doch als Duospezialistin bekannt, die die spontane Interaktion in ihrer reduziertesten Form mit Spielwitz zu zelebrieren weiß. In den 1980ern trat Takase in Zwiegesprächen mit Vokalistin Maria João hervor, Duoeinspielungen mit David Murray sowie den BassklarinettistInnen Rudi Mahall, Silke Eberhard und Louis Sclavis folgten.

Nicht zu vergessen die CD Iron Wedding, die Tasten-Duette mit Ehemann Alexander von Schlippenbach enthält. Als Bezugspunkt fungierten dabei die Säulenheiligen der Jazzgeschichte: So setzte sich Takase in ihren Projekten gezielt u. a. mit der Musik Thelonious Monks, Fats Wallers, Ornette Colemans und zuletzt erneut mit Duke Ellington auseinander.

Was vielleicht auch damit zu tun hat, dass Takase, die in Tokio Klavier studierte, relativ spät mit dem Jazz in Berührung kam: "Als ich von Freunden in den Jazz eingeführt wurde, wusste ich nichts über diese Musik. Ich interessierte mich für Beethoven und Brahms, für die Musik der Romantik, kannte auch Ligeti und Xenakis. Als nun meine Freundin sagte: ,John Coltrane ist wie Beethoven!', horchte ich auf", so Takase. "Ich besorgte mir Platten von Mingus, Monk, Coleman. Anfangs spielte ich drauf los, bald erkannte ich jedoch, dass es auch hier Regeln gibt. Und irgendwann dachte ich: Vielleicht kann ich etwas tun, das aus mir selbst herauskommt."

Schon seit Langem lässt Takase ihre innere Stimme auch durch nichtmusikalische Partner befeuern: Etwa durch Schriftstellerin Yoko Tawada, mit der sie seit 15 Jahren in Wort-Ton-Dialoge eintritt. In der Zusammenarbeit mit Tänzerin Yui Kawaguchi, mit der Takase am Freitag das Osterfestival Tirol eröffnet, fungiert der bewegte Körper als Partitur bzw. Improvisationsvorlage.

"Ausgehend von der Choreografie des Tanzes schreibe ich Motive und Kompositionen, aber ich improvisiere auch", skizziert Takase ihre Vorgangsweise, wobei auch die der Musikgeschichte entlehnten Titel der Programme des Zyklus Stadt im Klavier Impulsgeber sind: "'Crescent' und 'Forte' sind Schlagworte, damit habe ich frei improvisiert. 'Tarantella' und 'Chaconne' sind Tanzformen, hier habe ich bewusst einige Stücke z. B. im 6/8-Rhythmus komponiert."

"Cadenza" hingegen, der Titel des in Hall zu erlebenden Programms, bezieht sich auf den zur Demonstration von Bravour bestimmten Teil des klassischen Solistenkonzerts. Takase spaziert in ihren spontanen Assoziationen zu Kawaguchis anmutigen Bewegungen durch Jahrhunderte und Kontinente, wechselt zwischen Ragtime, freier Musik und Romantizismen. Welche Rolle spielt für ihre Musik der Background als gebürtige Japanerin? "Es ist mir ganz egal, ob ich Japanerin oder Deutsche bin. Musik ist meine Sprache und die ist international. Wie meine Freundin Yoko Tawada, schreibt: ,Der menschliche Körper besteht zu 80 Prozent aus Wasser. Da ich in Russland jeden Tag Wasser trank, wurde mein Körper zu 80 Prozent russisch.'" (Andreas Felber, DER STANDARD, 3.4.2014)

Info: 05223/53 808; www.osterfestival.at

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