Zu wenig Solidarität in der wissenschaftlichen Gemeinschaft?

Leserkommentar2. April 2014, 16:15
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Über die Frage, warum die Petition "Wissenschaft ist Zukunft" nicht mehr Unterschriften zählen kann

Die vermeintlich geringe Anzahl der Unterzeichner der Petition "Wissenschaft ist Zukunft" wurde in den letzten Tagen zum Anlass genommen, pessimistische Schlüsse über den Zustand der wissenschaftlichen Gemeinschaft in Österreich zu ziehen. Jener fehle es, so der Tenor, an interner Solidarität. Bei genauerem Nachdenken offenbart sich allerdings die Abstrusität dieses Schlusses.

Ohne lang zu Zögern, unterzeichnete ich vor mittlerweile gut zwei Wochen die Online-Petition "Wissenschaft ist Zukunft" und zwar, wenn ich mich richtig erinnere, als etwa siebzigster. Ich verfolgte daraufhin den Tag hindurch sporadisch die Entwicklung der Petition und verließ gegen Abend das Büro mit dem Eindruck, die Proponenten dieser Petition seien gut vernetzt, so sprunghaft war die Anzahl der Unterzeichnenden angestiegen.

Diskurs über Petition

Umso überraschter nahm ich dann den Diskurs über die aus meiner Sicht zumindest nicht erfolglose Petition wahr. In Interviews mit dem STANDARD mussten sich der Präsident der Universitätenkonferenz, Heinrich Schmidinger, FWF-Präsidentin Pascale Ehrenfreund und ÖAW-Präsident Anton Zeilinger mit einer genau gegenläufigen Situationsdeutung auseinandersetzen. Nun streicht ja schon die Rede von Situationsdeutungen heraus, dass parallel zueinander unterschiedliche Beurteilungen einer Situation ko-existieren können. Das Narrativ über den vermeintlichen Misserfolg der Petition wurde aber durch ein Lamento ergänzt, das – konsequent durchgedacht – ziemlich realitätsfremd und abstrus erscheint.

Am klarsten formuliert trat dieses Lamento in einer Frage im Interview mit Rektorenchef Schmidinger zu Tage. STANDARD-Redakteurin Lisa Nimmervoll fragte Schmidinger: "Was sagt es über ein Land, vor allem auch seine Scientific Community, wenn so eine Petition aufliegt, und dann unterschreiben in der ersten Woche nur knapp an die 32.000 Personen? Wir haben 300.000 Studierende, mehr als 100.000 Uni-Mitarbeiter plus die in außeruniversitären Forschungsinstituten. Wenn offenbar denen nicht einmal bewusst ist, warum Wissenschaft ausreichende Finanzierung braucht, warum soll es dann die Regierung wissen?" Schmidinger hatte dem, von der Vehemenz der Frage vielleicht überrascht, nicht viel entgegenzusetzen.

Was ist der Anlass zum Lamento?

Was aber rechtfertigt diese Deutung? Welche stillschweigenden Annahmen wurden enttäuscht und gaben Anlass zu diesem Lamento? Die erste und wohl wichtigste Annahme ist, dass es so etwas gebe wie die scientific community, worunter man sich – in leichter Abweichung von der etwas engeren Definition der Wissenschaftssoziologie – wohl die Gesamtheit von wissenschaftlich Arbeitenden und Studierenden in Österreich vorzustellen hat. Diese, so die Annahme, wären sozial zumindest so weit verbunden, dass sie sich gemeinschaftlich für die Belange und Interessen der Wissenschaft einsetzen würden.

Das ist natürlich im besten Falle Wunschdenken, im schlimmsten Fall naiv. Zunächst ist kaum begründbar, weshalb sich Studierende, denen, sofern sie überhaupt Interesse für die Wissenschaft mitbringen und nicht eh nur einen Titel abholen wollen, in immer stärker verschulten Studiengängen zwar irgendwelches Wissen vermittelt wird, sicher aber nicht die Überzeugung, dass sie Teil der scientific community sind, für die Belange der Wissenschaft engagieren sollen. Studierende in Österreich werden in einem System trainiert, das ihnen deutlich – und vermutlich auch mit Recht – zu verstehen gibt, dass es für die überwiegende Mehrzahl keine Zukunft in der Wissenschaft gibt. Wodurch ließe sich rechtfertigen, die Studierenden als Mitstreiter für eine Sache rekrutieren zu wollen, die (leider) nicht die ihre ist?

Kaum Interessensübereinstimmung

Es dürfte zudem auch nicht überraschen, dass auf Seiten der Universitätsbediensteten kaum Interessensübereinstimmung herrscht. Machen wir uns nichts vor: Die sprichwörtliche Drittelquotenregelung der Universitätsbediensteten in Forschung und Lehre – ein Drittel tut gar nichts, ein weiteres Drittel ist mit Aufgaben der universitären Selbstverwaltung und (Forschungs-) Koordination befasst, und nur ein Drittel widmet sich vorrangig der Forschung – ist mehr als nur ein schlechter Witz.

Kurzum: von einer Population von 400.000 potentiellen Unterzeichnerinnen und Unterzeichner auszugehen, ist Wunschdenken und verkennt die reale Situation. Studierende und wissenschaftlich Tätige in Österreich verstehen sich nicht als Mitglieder einer scientific community. Jenes Maß an Solidarität (im soziologischen Begriffsverständnis), das für die Aufrechterhaltung einer derartig großen sozialen Entität erforderlich wäre, ist schlicht nicht vorhanden.

Nun ist es aber eine eher banale Einsicht, dass die Forderung nach Solidarität allein noch keine Solidarität zu schaffen vermag. Aber woher sonst könnte sie stammen? Der französische Soziologe Émile Durkheim (1858-1917) beschrieb als die zwei wichtigsten Quellen gesellschaftlicher Solidarität das Kollektivbewusstsein und die Arbeitsteilung. Die Arbeitsteilung schafft wechselseitige Abhängigkeiten und sichert somit den Zusammenhalt der Gesellschaft. Sie allein reicht aber nicht aus. Es bedarf zudem noch eines Kollektivbewusstseins, eines durch einen normativen Ideenkomplex gestützten Wir-Gefühls.

Solidarität

In der gegenwärtigen Wissenschaft sind beide Solidaritätsquellen gefährdet. Verhältnisse einer wechselseitigen Abhängigkeit, in der sich Personen als einander gleichwertig gegenüber treten, um Güter oder Dienstleistungen zu tauschen, sind rar, sowohl zwischen Studierenden und Forschenden als auch zwischen Forschenden verschiedener Disziplinen. Und spätestens seit den 1970er Jahren ist auch der Glaube an die Autorität von Wissenschaft als bis dahin wohl bedeutendstes Element eines Kollektivbewusstseins der Wissenschaft geschwächt, und das nicht nur in Österreich, dem gefühlten Heimatland des Bezweifelns der eigenen Autorität, sondern mehr oder minder global.

Es hilft also nichts, eine Solidarität einzufordern, die so nicht existiert – und aufgrund der gegenwärtigen Struktur des Wissenschaftsbetriebs auch nicht existieren kann. Abgesehen davon, dass mittlerweile 46.100 Personen die Petition unterstützen (Stand 1. 4. 2014, 12:30), wäre die wohl bessere Antwort auf Lisa Nimmervolls Frage gewesen: "Nehmen Sie als Vergleichsmaßstab die derzeit laufende Hypo-Petition. Wer nimmt Schaden, und wer sollte daher grundsätzlich Interesse an Aufklärung haben? Alle Steuerzahler Österreichs.

Nehmen wir der Einfachheit halber die Personen, die Lohn- oder Einkommenssteuer zahlen (also auch die Pensionisten), so sind das rund 6,6 Millionen Menschen. Lassen Sie uns sodann schätzen, dass ein Drittel einen U-Ausschuss befürwortet, insgesamt also 2,2 Millionen Menschen. Unterzeichnet haben derzeit etwa 110.000, das sind fünf Prozent. Wenn wir das als Messlatte hernehmen, sollten wir, denselben sozialen Zusammenhalt voraussetzend, unter den Universitätsmitarbeitern (N=100.000) mit 5.000 Unterschriften rechnen. Zählen wir die Studierenden dazu, so liege die Latte bei 20.000 Unterstützungserklärungen. Tatsächlich aber haben 32.000 Personen unterzeichnet. Was sagen Sie jetzt?" (Leserkommentar, Christian Dayé, derStandard.at, 2.4.2014)

Christian Dayé (35) forscht und lehrt am Institut für Soziologie der Universität Graz. Skizziert hat die bessere Antwort auf Lisa Nimmervolls Frage Philipp Korom, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln, in persönlicher Korrespondenz mit dem Autor, der sie dann präzisiert und überarbeitet hat.

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