Wasserleitungen wie ein Nudelsieb

3. April 2014, 05:30
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In Großbritannien versickert etwa ein Viertel der Wasserversorgung wegen Lecks in maroden Leitungen

London - Vor zwei Jahren war Aufruhr in England. In 14 Bezirken im Süden und Westen des Landes hatte das Umweltministerium einen Wassernotstand festgestellt. Am 5. April 2012 riefen folglich fünf große Wasserwerke eine sogenannte "Gartenschlauchsperre" aus. Damit galt für private Haushalte ein Bewässerungsverbot: Garten bewässern, Auto waschen oder Swimmingpool auffüllen war strengstens untersagt, bei Zuwiderhandlung drohte ein saftiges Bußgeld von 1000 Pfund (umgerechnet 1200 Euro).

Im Land der perfekt gestutzten Rasenflächen herrschte Empörung. Das Bewässerungsverbot galt als infame Zumutung, ist das Gärtnern den Briten doch ein nationales Kulturgut. Laut einer Umfrage des Umweltministeriums würden 27 Prozent der Bevölkerung lieber auf eine Dusche verzichten, als ihren Rasen vertrocknen zu lassen.

Der Goldfisch-Tipp

Kurz vor Inkrafttreten der Verordnung verdreifachte sich der Umsatz von Regentonnen. Zeitungen gaben Tipps zum Umgehen der Gartenschlauchsperre. Einen Goldfisch kaufen, zum Beispiel. Denn Gartenteiche mit Tieren waren ausgenommen vom Bewässerungsverbot. Oder selbst nach Grundwasser bohren.

Andere gute Ratschläge drehten sich ums Wassersparen. Beim Zähneputzen den Hahn zudrehen, das bringt immerhin vier Liter pro Tag in einem Vierpersonenhaushalt. Nicht baden, sondern duschen und am besten eine Minute weniger, das spart zehn Liter. Einen bizarren Vorschlag hatte der Londoner Exbürgermeister Ken Livingstone: "If it's yellow, let it mellow." Die Leute sollten nach dem kleinen Geschäft doch bitte die Klospülung weniger betätigen.

Kaum bekannte Wasseruhren

Wenn es ums Wasser geht, sparen die Briten eher wenig. Rund 150 Liter pro Person und Tag verbrauchen sie. Dazu kommt, dass Wasseruhren so gut wie unbekannt sind. Die meisten Haushalte zahlen lediglich eine monatliche Pauschale für ihren Verbrauch, was den Anreiz zum Wassersparen natürlich nicht erhöht. Zum anderen sehen die Bürger nicht ein, warum sie verzichten sollen, wenn es doch größere Einsparungspotenziale gibt. Etwa bei den in den 1990er-Jahren privatisierten Wasserunternehmen.

Man glaubte zu wissen, wer eigentlich schuld war: die Wasserwerke. Natürlich konnten die fünf Unternehmen nichts daran ändern, dass es wenig geregnet hatte. Aber sie hatten auch zu wenig unternommen, um der Wasserverschwendung Herr zu werden.

665 Millionen Liter pro Tag

Das größte unter ihnen, Thames Water, verschwendete damals pro Tag 665 Millionen Liter. Genug, um einen Swimmingpool in olympischen Ausmaßen alle fünf Minuten füllen zu können. Die wahnwitzige Vergeudung lag daran, dass das Leitungsnetz vielerorts noch aus dem vorvorletzten Jahrhundert stammt und so manche alte Röhre undicht ist. Mehr als 25 Prozent des von Thames Water aufgearbeiteten Wassers versank durch Lecks und Löcher.

Auch heute hat sich daran nicht viel geändert. Immer noch gehört London zu den Städten, die weltweit am meisten Wasser verlieren - in Europa steht nur Bukarest schlechter da. Zum Vergleich: Der Wasserverlust durch marode Leitungen in Paris oder New York beträgt nur zehn Prozent. Für die Wasserunternehmen rechnet es sich nicht, in Reparaturen zu investieren. Und die Regulierungsbehörde Ofwat, die sie dazu zwingen könnte, ist handzahm. Die Auflagen, die Ofwat den Unternehmen macht, sind bescheiden: Bis zum Jahr 2015 sollen gerade einmal 1,5 Prozent weniger Wasser durch Lecks versickern. (Jochen Wittmann, DER STANDARD, 3.4.2014)

  • Kostbares Nass: In kaum einer anderen Stadt versickert so viel ungenutzt wie in London - aufgrund kaputter Leitungen.
    foto: dpa/oliver berg

    Kostbares Nass: In kaum einer anderen Stadt versickert so viel ungenutzt wie in London - aufgrund kaputter Leitungen.

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